Weekend Audition (KW12 2017)

Gestern Nachmittag habe hintereinanderweg folgende Alben durchgehört: „Blue“ (1971) von Joni Mitchell, „Transformer“ (1972) von Lou Reed, „Everyboy knows this is nowhere“ (1969) von Neil Young, „Pink Moon“ (1972) von Nick Drake, „Sit down young stranger/If you could read my mind“ (1970) von Gordon Lightfoot.

Es sind alles Alben aus US-amerikanischer Produktion, die kurz vor oder kurz nach meiner Geburt erschienen sind. Beim Hören fielen mir mehrere Sachen auf: Das Album, mit +/-10 Tracks und einer Laufzeit von 35-45 Minuten, ist eine vollendete und sehr stimmige musikalische Form. Die Songwriter der frühen 1970er haben das begriffen und keine Sammlung von Einzeltracks, sondern im besten Fall ein balanciertes Gesamtkunstwerk produziert. Zusammengehalten wird das ganze von einem Sänger und Songschreiber, seinen/ihren Songs, gleichbleibender Instrumentierung und Arrangements, einer Attitude und dem Albumsound, der von Mitmusikern, Studio und Aufnahmeleiter geprägt war. Heraus kam eine Klang gewordene Momentaufnahme einer künstlerischen Entwicklung.

Dabei ist auffällig, dass die Aufnahmen nicht immer einwandfrei oder fehlerlos sind, ganz im Gegenteil, immer wieder kommt es zu unpräzisen Einsätzen, leichten Verstimmungen, schleppender Rhythmik, missratenden Klängen, unfreiwilligen Geräuschen, hohes Bandrauschen, seltsamen Fadeouts etc. pp. Alles Artefakte, die man heutzutage problemlos und ohne jede Skrupel wegeditieren würde. Diese Möglichkeit gab’s damals nur in begrenztem Umfang, vor allem aber gab’s gar nicht das Bewusstsein dafür, dass etwas derartiges falsch wäre und verbessert werden müsste. Wenn man den Turnus berücksichtigt, in dem zu der Zeit Alben veröffentlicht wurden (zum Teil 2-3 Alben pro Künstler im Jahr), ist auch unwahrscheinlich, dass da jeweils lange rumgedoktert wurde. Man sammelte die stärksten seiner neuen Songs zusammen, probte bestenfalls mal mit der Band, vielleicht aber auch nicht, ging ins Studio, dort blieb einem gar nichts anderes übrig als sich den Technikern anzuvertrauen, sang und spielte seine Lieder, nach ein paar Tagen war das erledigt, an zusätzlichen Spuren, Mix, Tracking oder Master war man meist schon nicht mehr beteiligt, anschließend ging man auf Tour und schrieb neue Lieder für die nächsten Aufnahmen. Es waren viele Menschen an der Produktion eines Albums beteiligt, die sich zum Teil kaum oder gar nicht kannten, viele Entscheidungen waren destruktiv, soll heißen, waren Entscheidungen mal getroffen und ausgeführt, waren sie unumkehrbar und nicht mehr rückgängig zu machen. Dazu braucht man heute eine Menge Mut, damals nicht, denn es gab keinen anderen Weg, man musste im Hier und Jetzt sein, sich auf den Prozess einlassen, alles geben und auf das Beste hoffen.

Ich finde, das hört man diesen alten Produktionen an. Da schwingt sehr viel Herzblut, Hingabe und Zeitgeist mit. Die aufnahmetechnischen Ungereimtheiten fallen gar nicht weiter auf, sondern fügen sich problemlos in den klanglichen Flow, werden zum Teil des großen Ganzen.

Wieder was gelernt. Mal sehen was ich davon in zukünftige eigene Projekte mitnehmen kann.

Vinyl is not dead: Third Man Pressing

Der US-amerikanische Musiker und Indie-Artrepreneur Jack White hat in seiner Geburtsstadt Detroit ein Vinyl-Presswerk mit acht brandneuen Pressen (Newbilt, aus deutscher Fertigung) eröffnet. Dort werden ab sofort Schallplatten für sein eigenes Label Third Man Records hergestellt. Aber auch anderen steht der Zugang offen, dezidiert angesprochen werden Indiebands aller Art z.B. auch Punkbands. Bei Jack White darf man davon ausgehen, dass dieses Angebot ernst gemeint ist, schließlich kann er bzgl. Promotracks auf Vinyl wertvolle eigene Erfahrungen beisteuern. Übrigens: Der Mann bei 2:07 ist einer von Jack Whites großen Brüdern.

Noten: „Banjo spielen!“ von Sebastian Schröder

Für Spieler des 5-String Banjos gibt es in deutscher Sprache wenig Literatur, im wesentlichen beschränkt es sich auf die engagierte, aber didaktisch mitunter etwas unsortierte Veröffentlichung „Beginner Banjo“ des Münchner Ausnahmebanjospielers Rüdiger Helbig aus den 1990er Jahren. Spätestens seit dem Erfolg von Filmen wie „O, Brother were art thou?“ und Bands wie „Old Crow Medicine Show“, „Avett Brothers“ und „Mumford & Sons“ ist das archaische Instrument wieder en vogue und wird auch in aktueller Popmusik immer wieder prominent eingesetzt. Mit diesem neuen Umgang hat sich auch das Verständnis zum Banjo gewandelt. Insbesondere die fünfsaitige Variante ist längst nicht mehr nur die fellbespannte Kentucky-Gitarre für erzkonservative Rednecks aus den Appalachen. Längst wurde es von urbanen Hippstern mit gepflegten Vollbart und geisteswissenschaftlichem Bildungsintergrund (wieder-)entdeckt und will gespielt werden, aber wie? Weiterlesen

Buch: „How Music got free“ von Stephen Witt

Stephen Witt ist amerikanischer Journalist und hat im Sommer 2015 mit “How Music got free“ sein erstes umfangreiches Sachbuch veröffentlicht. Kurz darauf erschien das Buch mit gleichnamigem Titel in deutscher Übersetzung, ein darauf Jahr nun die englischsprachige Taschenbuchausgabe. Das Buch trägt den Untertitel „A Story of Obsession and Invention“ und Witt beschreibt darin detailliert und sachkundig den revolutionären Wandel den Digitalisierung, MP3-Format und die Möglichkeiten des Internets auf die globale Musikindustrie und letztlich die ganze Gesellschaft hatten.

Witt erklärt bereits in der Einleitung, dass er diese aufregenden Zeiten des medialen Wandels als junger Student und aktiver Filesharer selbst miterlebt hat. Jahre später hat er sich dann für die Protagonisten und deren Motivation interessiert und ist dem in intensiver und nicht immer einfacher Recherche nachgegangen. Er hat die spannende Erzählung auf verschiedene Blickwinkel verteilt um die Geschehnisse greifbarer zu machen. Zentrale Handlungsstränge sind die Geschichten der Figuren Karlheinz Brandenburg (Forscher am Erlanger Fraunhofer Institut und Entwickler des MP3-Formats), Bennie Lydell Glover (Mitarbeiter eines amerikanischen CD-Presswerks, aktiver Leaker und Filesharer) und Doug Morris (CEO diverser globaler Medienkonglomerate), dazu kommen passagenweise weitere Akteure wie Shawn Fanning (Napster), Alan Ellis (Oink) u.a. Weiterlesen

Mein Mediennutzungsverhalten

In den letzten zwei Wochen haben die geschätzten Bloggerkollegen Johannes Kreidler (Kulturtechno) und Stefan Hetzel (Weltsicht aus der Nische) jeweils ihr persönliches Mediennutzungsverhalten offenbart, verbunden mit dem Wunsch, dass andere dem Beispiel folgen mögen. Ich habe beide Artikel mit Interesse und Gewinn gelesen, deswegen nun quid pro quo: Im Folgenden mein persönliches Benutzerprofil.

Internet & Blogs
Meine Lieblingsseiten im Netz sind Wikipedia, Youtube, sueddeutsche.de, faz.net und einige wenige Blogs, die ich aber fast täglich verfolge. Habe RSS-Feeds nutze sie aber kaum. Mir fällt auf, dass viele Blogs und Homepages nicht mehr gepflegt werden. Das Netz nutze ich außerdem für Einkäufe: Bücher, CDs, DVDs etc. kaufe ich meist bei oder vermittelt durch Amazon. Downloads manchmal über iTunes. Musikkram seit Jahren bei Thomann, hin und wieder bei kleinen Händlern oder Ebay.

Soziale Medien: Facebook, Twitter, Instagram, Whatsapp
Ich war nie und bin nicht bei Facebook, Twitter, Instagram, Whatsapp etc. Hin und wieder werde ich darauf hingewiesen, dass das ein Fehler ist und eine Mitgliedschaft in Sachen Netzwerken und Eigenwerbung ratsam wäre. Meist sagen das lose bekannte Kollegen, die mich kaum kennen und von denen ich weiß, dass sie weniger zu tun haben und mehr Zeit verplempern als ich, deswegen nehme ich das nicht ernst. Ich schätze, dass einige meiner Freunde und Bekannten ganz locker 1-2h täglich mit FB verbringen. In der Zeit lese ich oder spiele mit meinen Kindern. Fairerweise muss ich zugeben, dass einige meiner Veranstaltungen von FB-Nutzern angekündigt und einige meiner Texte und Videos geteilt werden. Ich werte das als eine Form der Unterstützung und freue ich mich darüber. Weiterlesen

Aus der Mitte kommt die Kraft (KW07 2017)

Die letzten Wochen war viel Kleinkram zu tun. Letzte Aufnahmen für diverse Projekte, kontrollhören, editieren, bouncen und anschließend transferieren. Wenig Spektakuläres, aber man muss dabei immer konzentriert bleiben um keine Fehler zu machen. Diese Art Tätigkeit fühlt sich wie sehr anstrengende Arbeit an.

Mitte der Woche (Mi) dann ein kleines Highlight: Sandra Buchner, Camilo Goitia und ich haben uns früh am Vormittag im Theater am Neunerplatz getroffen um dort ein paar Videos für aktuelle und kommende Albumveröffentlichungen abzudrehen. War ein wunderbarer, klarer und sonniger Morgen. Gleich nach Ankunft haben Camilo und ich gemerkt, dass wir noch wichtige Dinge vergessen hatten, also gleich unter Zeitdruck nochmal nach Hause und wieder zurück. Ich war als erster wieder da und begann schon mal mit behind the scenes-shots in der Garderobe. Als auch Camilo wieder da war, wurden wir freundlich darauf hingewiesen, dass hinter einem schweren, schwarzen Vorhang an der Bühnenrückwand ein sensationeller, von hinten farbig beleuchtbarer Hintergrund aus Milchglaselementen verborgen lag. Und den durften wir auch noch verwenden, Glück muss man haben und wenn es daher kommt, muss man es packen und für eine Weile festhalten!

Sandra Buchner & Camilo Goitia bei den Dreharbeiten (Foto: Dennis Schütze) Weiterlesen

Buch: „Und plötzlich macht es Klick!“ von Bas Kast

Bas Kast ist deutscher Journalist und schreibt in seinen populärwissenschaftlichen Büchern über psychologische Menschheitsthemen wie Liebe, Intuition und Kreativität, die er mit Hilfe aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse neu beleuchtet. 2015 erschien bei Fischer sein letztes Buch „Und plötzlich macht es Klick!“ über das Handwerk der Kreativität. Anfang 2017 erschien es als kostengünstiges Taschenbuch. In der Einleitung führt Kast zielstrebig an das Thema heran und stellt fest, dass gute Ideen mehr sind als zufällige Geistesblitze. In den folgenden fünf Kapiteln geht er der Frage nach unter welchen inneren und äußeren Bedingungen kreative Gedanken begünstigt werden. Seine Ausführungen werden immer wieder durch Aussagen renommierter Forschern unterfüttert, die Kast zum Teil selbst besucht und interviewt hat. Im Anhang findet sich dazu eine ausführliche Literaturliste. Die Kapitelüberschriften liefern bereits einen guten Überblick über die Themenfelder und Herangehensweisen: 1. Das Ungewohnte beflügelt die Phantasie, 2. Mit der Entspannung kommen die Ideen, 3. Über die lebenslange Lust an der Neugier, 4. Von der Gruppe zum kreativen Team, 5. Wie Sie Ihre eigene kreative Nische entdecken. Weiterlesen

Musikproduktionstechnische Orientierungsphase

Seit einigen Wochen befinde ich mich in einer musikproduktionstechnischen Orientierungsphase. In den letzten Jahren war ich als Produzent, Arrangeur und Instrumentalist so aktiv wie nie, habe meinen Output erhöht und in den Albumproduktionen für mich musikstilistisches Neuland betreten. Beispiele dafür wären etwa „NDW“ (2015), „Music from ‚Star Wars’ for Small Ensemble“ (2015), „So klingt Würzburg 2016!“ (2016) und zuletzt „Urban Chic & Country Cool“ (2017). Ich habe nicht nur wie üblich gesungen und Gitarre gespielt, sondern zum Teil sehr aufwändig neuarrangiert, mir unvertraute Instrumente gespielt, nahezu alles selbst auf eigenem Equipment aufgenommen und das meiste auch nachbearbeitet. Nebenbei habe ich auch angefangen zu „schrauben“, will heißen: Ausgehend von Loops, Beats und Samples aus der DAW-internen Library habe ich Tracks zusammengebastelt, zum Teil kamen noch händisch eingespielte Instrumente dazu (Querflöte, Toms, Becken). Beispiele dafür wären „Nights in white Satin“ von Sandra Buchner oder „Self Control“ von Doro T (von ihr werden bald zwei weitere Tracks folgen). Weiterlesen

Über Kreativität

„Eine wahrhaft kreative Schöpfung ist nicht nur ungewöhnlich, neu oder originell. […] Dazu bedarf es einer gewissen Qualität, die man nur erreicht, indem man das jeweilige Handwerk lernt, […] in ihrer höchsten Ausprägung ist sie stets das Resultat langjähriger Arbeit.“

Bas Kast in: „Und plötzlich macht es Klick! Das Handwerk der Kreativität“ (Fischer 2015, S. 122-23)

Historische Musikwissenschaft – eine postfaktische Disziplin

Gastbeitrag von Prof. Dr. Norbert Schläbitz (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

Postfaktisch ist zum Wort des Jahres 2016 ausgelobt worden. Das soll so viel heißen, dass Fakten eine mehr nachgeordnete bis gar keine Bedeutung haben und gefühlsmäßige Stimmungen zum Eigentlichen erhoben werden. Zahlreiche Beispiele lassen sich für die jüngere Vergangenheit dafür benennen, die an dieser Stelle gleichwohl keine besondere Rolle spielen.
Es mutet allerdings vielleicht sonderbar an, dass diese auf die gegenwärtigen Verhältnisse bezogene Zuschreibung auf eine vermeintlich wissenschaftliche Disziplin angewendet wird, zumal diese in einem Jahrhundert an Universitäten sich etabliert, die vom Positivismus, vom Rationalismus, von auf harten Fakten beruhenden technischen Innovationen bestimmt ist. Von postfaktischen Zuständen kann da zunächst einmal keine Rede sein.
Genauer gesagt ist vom 19. Jahrhundert die Rede. Das 19. Jahrhundert lässt sich in der Tat als ein Jahrhundert der Wissenschaften herausstellen, die nach der Diktion von Luhmann allein dem Kriterium von wahr/falsch sich verpflichtet fühlen. Daneben gibt es aber auch Disziplinen, die sich zwar wissenschaftlich wähnen, aber stattdessen dem Gefühl ihre Referenz erweisen. Zu diesen gehört auch die Musik-„Wissenschaft“. Sie orientiert sich weniger an Fakten denn mehr an Gefühlen und Stimmungen, gibt sich diesen hin. Und auf der Basis dieser Hingabe werden Schriften verfertigt, die sich zwar wissenschaftlich nennen, aber postfaktisch unterminiert sind. Das sieht seinen Grund darin, dass der Bezugspunkt der Historischen Musikwissenschaft weniger die Wissenschaft ist denn mehr die Romantik mit ihren geradezu märchenhaften Schriften. Ja, die Romantik wendet sich sogar explizit gegen das harte Zahlen- und Faktenargument von Wissenschaft. Und genau hier, in der Romantik, hat die Historische Musikwissenschaft primär ihre Heimat; aus der Romantik geboren, nimmt die Historische Musikwissenschaft den Stift, schreibt auf, was sie bewegt. Weiterlesen