Jim Croce Unchained

Ich muss ungefähr in der fünften Klasse gewesen sein, als ich mir zum ersten Mal eine Kompaktkassette kaufte um eine erste, eigene Aufnahme damit zu machen. Ich hockte mich abends an den Radiokassettenspieler in unserer Küche, machte das Radio an und drückte die Record-Taste immer bei den Liedern, die mir gerade gefielen. Der erste Song, der bei dieser Aktion auf meiner Kassette landete, war „I got a name“ gesungen von Jim Croce, aber das war mir in dem Augenblick natürlich noch nicht klar.

Ich habe in den Wochen danach immer wieder vom Radio auf meine Kassette aufgenommen und dabei das meiste gelöscht und wieder drübergespielt, nur „I got a name“ habe ich nie angetastet, ich fand den Song magisch. Mein Vater klärte mich irgendwann darüber auf wie der Song hieß und von wem er gesungen war, er hatte eine „Best of“-Schallplatte von Croce und die fand ich auch ziemlich gut. Ca. 1992 erschienen dann für sehr kurze Zeit die drei Originalalben von Jim Croce auf CD und die habe ich mir gekauft und rauf und runter gehört. Bald danach kaufte ich mir das damals einzig verfügbare Croce-Songbook, das war zwar nur ein Klavierauszug, aber es waren alle wichtigen Linien notiert. Ich begann alle seine Song auf der Gitarre zu spielen und zu singen, am Anfang viele der Balladen, später immer mehr auch die sogenannten „Charaktersongs“ bei denen es immer um skurrile Figuren in ungewöhnlichen Settings geht. Ich konnte eigentlich mit allen seinen Songs etwas anfangen und habe durch das intensive Studium dieser Lieder sehr viel über die Kunst des Songwritings gelernt. Croce konnte seine Liebeslieder so intensiv und herzzerreißend in der Ich-Form schreiben wie kaum jemand anderes, seine Charaktersongs waren immer witzig und unterhaltsam und er hatte die Fähigkeit mit Worten, Musik und Gestus voll in die Welt seiner Figuren einzutauchen. Wie unglaublich humorvoll er sein konnte erfährt man auch auf dem Live-Album „The Final Tour“ bei dem die Ansagen mindestens so gut sind wie die Songs, die er singt. Faszinierend war natürlich auch das Gitarrenspiel, das sehr auf die Zusammenarbeit mit seinem Gitarristen Maury Muehleisen aufbaute. Anfangs war Croce der Gitarrist für Muehleisen gewesen, weil dessen Karriere aber nicht so recht Fahrt aufnahm und Croces erstes Album ziemlich schnell erfolgreich wurde, vertauschten sie kurzerhand die Rollen und entwickelten einen ziemlich eigenen Begleitstil bei dem es nicht wesentlich war, ob nun Schlagzeug und Bass dabei war oder nicht. Croce zupfte seine Gitarre in den unteren Lagen und Muehleisen spielte dazu auf seiner Gitarre meist mit Capo im fünften oder siebten Bund. Zusammen ergab das ein beeindruckendes Klangbild und ich brauchte Jahre bis ich das Prinzip einigermaßen begriffen hatte. Möglich war mir das nur, weil die Gitarren auf den Alben im Stereobild extrem rechts/links gemischt waren. 2003 erschien dann zum 30. Todestag eine DVD mit bis dahin unveröffentlichten Fernsehstudioauftritten der beiden auf der man alles ganz einfach sehen konnte („Have you heard: Jim Croce Live“).

Über die Jahre habe ich viele Croce-Songs im Repertoire gehabt und viele davon auch aufgenommen („Bad, bad Leroy Brown“, „You don’t mess around with Jim“, „Speedball Tucker“, „I got a name“, „Box #10“, „Workin’ at the Carwash Blues“). Bei meiner Reise an die amerikanische Westküste im Jahr 2007 machte ich auch Station in San Diego, weil Ingrid Croce dorthin nach Jims Tod umgesiedelt war und ein mittlerweile sehr renommiertes Restaurant im Gas Lamp Destrict betreibt (Croce’s Restaurant and Jazz Bar, 802 Fifth Ave). Obwohl ich unangemeldet vorbeischaute, nahm sie und ihr neuer Mann sich einem Abend für mich Zeit. Ich erzählte von meiner Faszination für die Musik ihres verstorbenen Mannes und sie ließ mich an ihren Erinnerungen teilhaben. Auch heute noch singe ich bei jedem meiner Konzerte mindestens einen seiner Songs. Und dann war ich letzte Woche im Kino und habe mir den neuen Tarantino-Film angesehen. In einer der wenigen friedvollen Szenen des Spektakels erklingt „I got a name“ gesungen von Jim Croce. Das hatte ich nicht erwartet, ich habe mich still gefreut und im Dunkeln des Kinosaals gelächelt.

Epi-Log: Am Tag der Veröffentlichung des Songs „I got a name“, am 20. September 1973, ist Croce zusammen mit seinem Freund und Gitarristen Maury Muehleisen und vier weiteren Personen mit einem Flugzeug abgestürzt, alle Insassen kamen dabei ums Leben. Jim Croce wäre am 10. Januar dieses Jahres 70 Jahre alt geworden.

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