Ein kakophonisches Inferno

So stelle ich mir den Vorhof zur Muggerhölle vor. Von links krächzen mir zwei fusselbärtige Pennäler „Arschloch!“ aus dem Refrain des Ärztesongs „Schrei nach Liebe“ ins Ohr. Ich weiche instinktiv aus und gerate in den Aktionsradius eines drittklassigen Zauberers mit angeklebten Bart, gekleidet in durchgeschwitzte Second Hand Klamotten. Er wirkt leicht angetrunken und fordert mit weit aufgerissenem Headset das sensationslüsterne Publikum auf näher zu kommen, doch sie treten zur Seite, weichen ihm aus und ich mit ihnen. Bloß schnell weiter, ich schlüpfe durch eine enge Gasse, die sich in der Masse zwischen den menschlichen Leibern plötzlich auftut, nur raus aus diesem Wahnsinn. Rechts bläst eine verlotterte Mittelalterformation in quäkige Dudelsäcke mit unreinen Bordunquinten und in verstimmte Plastikflöten. Ein kleines Stück weiter ein uneingespieltes, rhythmisch untightes Bläserensemble, die Spieler ignorieren den Dirigenten und swingen kein bisschen, danach eine ins akustische Format gezwungene Hinterwäldlerpunkband mit chinesischen Akustikgitarren, viel zu laut verstärkt über eine schrottige Billiganlage von Thomann mit neon-grellen Höhen und verzerrt-komprimierten Subbässen, die blinkenden Maschinen liefern einen minderwertigen Digitalhall und unbeabsichtigte Flangereffekte. Dazwischen eine Gruppe junger Damen, die in Strapsen und kurzen Röcken zu einem Midi-Playback abgeschmackte Lagerfeuerlieder auf ihren Instrumenten schrammeln. Die schrillen Versatzstücke der Alleinunterhalter, Marktschreier, Schülerbands und Gelegenheitsmusiker vermischen sich zu einer schmutzigen Collage aus brackigem Missklang. Noch während man bei einer Darbietung festsitzt, hört man von links und rechts, von vorn und hinten, ja, eigentlich aus allen Himmelsrichtungen weitere, unästhetische Tonvergewaltigungen. Die Stimmung überträgt sich, Menschen brüllen sich an, versuchen den Lärm mit ihrem Stimmen noch zu übertönen. Die Bands fühlen sich missachtet, drehen die Anlage noch ein bisschen mehr auf, werden in ihrem Darbietungston noch etwas aggressiver. Es ist eine einzige, brutale Beleidigung für die Ohren. Klangerzeugung als Form körperlicher Gewalt, abgestandene Gassenhauer als Sperrfeuer, Schlagzeuge als Granatenbatterien, aufgerüstete Verstärkeranlagen als gnadenlose Kriegsmaschinerie. Kampf der Retortenarmeen. Schlacht der Unkulturen. Städtisch geförderter Musikterrorismus. Es ist unterirdisch, ekelhaft, apokalyptisch, zum davonrennen, verzweifeln und zum heulen. Ein kakophonisches Inferno. Straßenmusikfestival in Würzburg. Und nächstes Wochenende ist Stadtfest.

15 Gedanken zu “Ein kakophonisches Inferno

  1. Das ist eine sehr harsche Kritik.
    Ich weiß nicht, welche persönlichen Gründe vorliegen, kann zwar manches vermuten, aber dieser Rundumschlag ist mir doch zu stark.
    Ich war mehrmals mit einiger Begeisterung auf dem stramu und habe so manchen schönen act dort miterlebt. Es treten dort auch immer einige Profis auf. Wenn tatsächlich ab und an die musikalische Qualität nicht stimmen sollte, wen kümmerts. Es ist ein Event, man kann von ort zu ort pilgern oder wie ich, gezielt bestimmte spielstaetten ansteuern, an denen laut Programm besonderes zu erwarten ist.

    • @Gerhard: Das war eben mein Eindruck und das musste ich auch mal los werden. Hast du dich mal gefragt, warum die „Künstler“ beim Stramu ohne Gage freiwillig in der Gosse spielen? Bestimmt nicht, weil sie so verdammt gut sind und so viele andere, anständige Alternativen haben.

      Warum hängt man in Würzburg nur dem Glauben an, dass man ohne Gagen zu bezahlen und ohne irgendeinen anderen materiellen Support zu bieten herausragende Künstler in die Stadt bekommt. Wie viel tiefer kann man als angeblich professioneller „Künstler“ sinken, als ohne Bezahlung im Straßendreck zu spielen? Und wie viel tiefer kann man als Veranstalter sinken seine „Künstler“ so rücksichtslos auszunutzen? Und dieses ausbeuterische System wird sogar noch vorzugsweise vom Würzburger Kulturamt (verantwortlich: Muchtar Al Ghusain & Johannes Engels) unterstützt. Bei den „Künstlern“ kommt davon freilich nicht ein Cent an. Geht’s noch sarkastischer?

  2. @Gerhard: Ich finde Dennis‘ Artikel __als literarischen Text__ ganz hervorragend, weil er authentischen Unmut und: ja – Ekel sprachlich überzeugend transportiert. Sachlich bin ich eher auf deiner Seite, Gerhard.

    Dennis hat ja selber jahrelang beim Stramu und in ähnlichen Kontexten (U&D) gespielt, er weiß also exakt, wovon er redet. Und dass er 2015 in einer Phase ist, wo ihn diese Chose gründlich ankotzt, ist mir verständlich. Dass er diesem Gefühl in seinem Blog unredigierten Ausdruck verleihen kann (könnte man sich einen derartigen Text in der MAIN POST vorstellen?), finde ich großartig! Sein Empfinden und seine Diagnose halte ich ja durchaus für universell, sie haben nichts Lokalspezifisches.

    Dass Dennis dann im Kommentar doch wieder konkrete Personen kritisiert, ist etwas anderes. Darüber lässt sich dann wieder politisch streiten. Das ändert aber nichts an der Qualität des Textes.

  3. Ich würde wie Stefan den Beitrag in zwei Teile aufbrechen. Von der Schreibe her finde ich ihn gelungen, vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas zu „Adjektiv beladen“, aber das gab das Bild des Festes einfach her.

    Zum Straßenmusikfest selbst, kann ich nur sagen, dass es eben diese Eindrücke sind, die mich Jahr für Jahr wieder aus der Stadt treiben. Zu viel, zu laut, zu hektisch. Man muss schon sehr selektiv hören und einen guten Platz erwischen um einigermaßen eine Band einfangen zu können. Mir gibt das schlicht nichts, weil ich Musik so nicht wahrnehmen kann und will.

    Über die Qualität der Bands kann ich daher auch dieses Jahr wenig sagen. Meine Wahrnehmung aus den vergangenen Jahren ist hier etwas positiver. Ich fand die Musiker an sich immer ordentlich bis gut – nie überragend. Nur das Drumherum und die harte Beschallung von allen Seiten hat es mir kaputt gemacht.

    Dass die Künstler ohne Entgelt spielen finde ich beim Stramu weniger bedenklich als beim U&D. Straßenmusiker sollen durch ihre Performance überzeugen und dadurch ein Entgelt einspielen, dass in ihren Hüten landet. Soweit die Theorie. Leider ist das Fest so eng gesteckt, dass eben das verloren geht. Man pilgert durch die Menschenmassen und so Recht nimmt niemand etwas bewusst war, sondern ein großer Teil schwebt über das Fest und versucht das Gesamtkunstwerk zu genießen. Bei den Künstlern bleibt dann oft wenig hängen. Weniger Künstler, weniger laut und – im direkt Kontrast zum betriebswirtschaftlichen Ansatz – weniger Besucher würden der Veranstaltung gut tun… Dann würde ich wahrscheinlich auch länger verweilen

    • Ein guter Ansatz zeigt sich mittlerweile in Ludwigsburg – das dortige Stramu findet im Barockgarten der Residenz statt. 60 Musiker/ Bands spielen 3 Tage lang und müssen am Tag mindestens auf 2-3 Bühnen spielen – so dass sie letztlich auf mindesten 8 Auftritte an drei Tagen kommen. Durch die Weitläufigkeit der Anlage gibt es (obwohl verstärkt gespielt wird) keine Überlappungen. Die Zuschauer zahlen 9 EUR Eintritt, dafür steht den Musikern ordentliches BeschallungsEquipment + 1 Tontechniker pro Bühne zur Verfügung. Es gibt hier auch die Hutsammlung – mehr noch leben die Künstler aber vom CD Verkauf. Ich habe da Künstler gesehen, die nach einem Set geschätzte 150 € im Hut hatten + 20 CDs verkauften – das 2-3x täglich an drei Tagen….. … außerdem wird der Überschuss der Veranstaltung noch in lukrative Preise investiert, sowie gleichmässig auf die Musiker verteilt…. So könnte es auch gehen … Würzburg hat das Problem, dass sich das Musikgeschehen in zugepflasterten Strassenschluchten abspielt. Es gibt nur wenige wirklich „beschauliche“ Plätze beim Stramu z.B. den Marienhof – Rathaus Innehof ist auch ok, oder den Sternplatz. Das hat Athmoshpäre. Oberer, unterer Markt und Eichhornstrasse sind dagegen ein eher trostloses Pflaster…….Überwiegend fand ich die Qualität der Darbietungen nicht sooo übel wie im Blog dargestellt – wobei …. in puncto des unrhthmisch und frei jeden Intonationsgefühls spielenden Bläserensembles – muß ich Dennis rechtgeben .. das war unter aller Kanone

      • @Charles: Herzlich willkommen auf diesem Blog und danke für den konstruktiven Beitrag. Beim ersten Mal muss ich den Kommentar immer erst freischalten, drum hat es kurz gedauert.

        Danke für die persönliche Einschätzung und den Hinweis auf andere Bezahlmodelle. Ich weiß, dass du mit deiner Band rumkommst und auf diesem Weg bestimmt verschiedenste Entlohnungssysteme kennengelernt hast. Zusammen haben wir ja erst im Frühjahr bei „Blues will Eat“ in Nürnberg gespielt, da wurde Eintritt verlangt und dann von dem Veranstalter sehr gerecht und selbstlos unter den beteiligten Musikern aufgeteilt. Beim renommierten Bardentreffen habe ich selbst schon gespielt und es gab auch dort angemessene Gagen (von der Stadt Nürnberg).
        In Würzburg arbeiten „U&D“ und „Stramu“ dagegen auf Basis des Umsonstmodells und das mit Unterstützung von Stadt, Bezirk und etlichen Sponsoren. Umsonst für die Künstler wohlgemerkt, die jeweiligen Veranstalter bezahlen sich selbst und ihre engeren Mitarbeiter nämlich durchaus und unverblümt. Die Künstler werden hemmungslos ausgenutzt und in der Außendarstellung auch etwas für dumm verkauft.

        Ein kurzes Wort zum Stichwort CD-Verkauf. Die Audio-CD ist das Medium der 1990er Jahre, sie wurde in den Nullerjahren langsam vom Download abgelöst, mittlerweile wird bereits der Download weitgehend vom Streaming ersetzt.
        Der Hinweis man könne ja auch mit CD-Verkauf Geld verdienen wirkt daher etwas überkommen, noch dazu kostet den Künstler ja auch eine CD-Produktion (Recording/Mixing/Mastering/Gestaltung/Pressung/GEMA/Vertrieb) bares Geld und fällt nicht einfach vom Himmel herunter.
        Weil CD-Absätze bekanntermaßen seit vielen Jahren rückläufig sind, habe ich meine letzten drei Alben nicht mehr pressen lassen, sondern biete sie nur als Download und Stream an, in Ausschnitten auch als Videos.

  4. didn’t your daughter display quiet some interest in cacophony just a few days ago?
    i’m sure you remember as you got a nice blog entry out of that.
    so you don’t let her read this.
    she might wanna go…
    and to scare you even a little more:
    she might LIKE it…

    on a more serious note:
    you are coming within a whisker of a hate mail here.
    just sayin‘.

  5. Glosse (von altgriechisch γλῶσσα glóssa, „Zunge, Sprache“, über lateinisch glossa) ist (…) ein kurzer und pointierter, oft satirischer oder polemischer, journalistischer Meinungsbeitrag (…).
    Im modernen Journalismus bezeichnet man als Glosse einen kurzen, pointierten Meinungsbeitrag, der sich von Kommentar und Leitartikel durch seinen polemischen, satirischen oder feuilletonistischen Charakter unterscheidet. Journalistische Glossen werden verfasst sowohl zu lustigen als auch zu ernsten Themen, zu „großen“ weltpolitischen ebenso wie zu „kleinen“ lokalen Ereignissen. Dabei ist es für die Lokalglosse, auch Lokalspitze oder Spitze genannt, von besonderem Reiz, das Fundstück einer unscheinbaren lokalen Begebenheit in eine „größere“ Thematik einzubetten. Für beide, für die Glosse in der überregionalen Presse wie für die Lokalglosse, gilt gleichermaßen, dass ihre überzeugende oder unterhaltende Wirkung von der formal und inhaltlich leichten Eleganz des Textes abhängt, zu der eine verblüffende Überschrift, Wortspiele, Wissens- und Bildungshäppchen, ein überraschender Schlussgag und – vor allem – Komik beitragen. Häufig angewandte Stilmittel sind daher Ironie und Übertreibung (Hyperbel). [„Glosse“, Wikipedia 2015]

    Nur zur Sicherheit.

  6. Ich danke für die Information über die vielen tontechnischen Details, die Profis wahrnehmen können. Beim nachmittäglichen Samstagseinkauf überlappten sich die Bands für meine Ohren noch nicht, fast jede Gasse ließ sich passieren. Daher nehm ich deine Schilderung als verdichtete Impression des abendlichen Klangbilz – hat mich sehr amüsiert.
    Ich selbst trat meinen Besorgungsgang durchaus besorgt an, mit Angst vor Country Roads in allen Counties von Virginia. Dieses und ähnliches Gesülze kam mir glücklicherweise nicht zu Ohren; früher taumelte man ja von einer Country Road in die benachbarte.
    Ich betrat die Szene außerdem mit dem Vorurteil: Da ist nix für mich bei, definitionsgemäß, weil ich keine Musikperformance mag, die ihr Publikum mit jedem Takt sofort packen muss, will sie denn gehört werden. Angenehme Überraschung: Ich ging an mehreren MusikerInnen vorbei, die sich zurückhaltend aufführten und es den Passanten überließen, ob sie stehenbleiben wollten.
    Damit fand ich das Festival für mich persönlich nicht gar so verabscheuenswürdig. Trotzdem ht die Lektüre deiner Glosse wohlgetan.

    • @JoFi: Vielen Dank für den Kommentar und herzlich willkommen auf diesem Blog. Ja, ja, diese ollen Cuntrybanz, schlimm sind die, ich konnte dieses abgehalfterte Truckergenre für Möchtegerncowboys noch nie leiden, habe aber das Gefühl, sie kommen allmählich aus der Mode. Nach meinem erst jüngst vollzogenem Stilwechsel in Richtung NDW kann ich darüber nur noch herzlichen lachen, schau dir diese Rednecks an! Aber man muss sich nur ein dickes Fell zulegen, dann lässt sich alles aussitzen. Irgendwann ist es dann rum. In Würzburg dauert’s halt etwas länger. Und pass am kommenden Sa bei deinem Einkaufsbummel auf: Da gibt’s ordentlich was auf die Ohren und daran sind noch nichtmal in erster Linie Musiker beteiligt!

  7. i admit „hate mail“ (by wiki def) probably wasn’t the fully correct term to use here.
    so it’s good to know what your intention was.
    a gloss. ok.
    well- fair enough.

    thing (for me) is:
    a gloss is nothing but a „hate mail“ w/ a sugar-coat name.
    sort of a disguise so to speak.
    invented and accepted by society (carnival speeches come to mind) to have a legitimate way to vent anger and „hate“.
    „hate“ in a sense of loathing.

    and loathing oozes out of every line.
    no. every word!
    so if one reads between the lines or interprets in a certain direction limits between terms, words or definitions become flowing pretty fast.

    then again:
    this just me…

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