Buch: „Verbrannte Mandeln“ von Wilfried Bommert & Marianne Landzettel

In regelmäßigen Abständen hört und liest man in den Medien von den Auswirkungen des Klimawandels: Gletscherschmelze, Hurrikans, Überflutungen, Erdrutsche, Hitzewellen, Waldbrände, etc. Der Wandel findet offenbar gleichzeitig auf der ganzen weiten Welt statt, aber man muss gar nicht in die Ferne schweifen um die Effekte zu erkennen. Insbesondere bei der landwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion liegt das Thema oft näher als man denkt, nämlich auf dem Teller.

Der Agrarwissenschaftler Wilfried Bommert und die Journalistin Marianne Landzettel haben sich umfassend damit beschäftigt und legen mit „Verbrannte Mandeln. Wie der Klimawandel unsere Teller erreicht“ eine aktuelle und sorgfältig recherchierte Bestandsaufnahme vor. Zwölf Agrarerzeugnisse aus verschiedenen Anbauregionen der Welt dienen dazu die Veränderungen der Anbaubedingungen und die unterschiedlichen Reaktionen darauf darzustellen. Äußerst umfangreich und detailliert beschrieben werden gleich im ersten Kapitel Anbau und Ernte von Mandeln in Kalifornien, es folgen Kaffeeanbau in Brasilien, Weinanbau in Südeuropa, Soja-, Maisanbau und Schweinmast in Iowa, und so geht es weiter um den halben Erdball, von Nord- nach Südamerika, von Europa bis Afrika und Indien, nicht behandelt werden Asien und Australien. Es geht dabei um die meteorologische Veränderungen wie extreme Witterungsbedingungen (Regen, Hitze, Trockenheit) und die graduelle Verschiebung der Jahreszeiten. Eine Folge u.a. sind Wassermangel und extreme Regengüsse, neue Schädlinge und Bakterien, die durch Globalisierung und neue klimatische Bedingungen neue Regionen befallen und große Schäden anrichten und bis zu totalen Ernteausfällen führen können.

Die beiden Autoren erläutern hier den Stand der Dinge, erprobte Maßnahmen und mögliche weitere Auswirkungen. Als problematisch werden immer wieder die Anbaumethoden der Großkonzerne und Vorgehensweisen der globalen Saatgutfirmen benannt. Riesige Monokulturen, internationale Konkurrenz und der damit unweigerlich verbundene Raubbau an den natürlichen Ressourcen haben ein Maß erreicht, das die Vorstellungskraft ahnungsloser Konsumenten erheblich übersteigen dürfte. Längst führen mangelnde Wasserversorgung, neue Parasiten, chemische Rückstände, Versandung, Monokulturen etc. zu schier unüberwindlichen Problemen für die kaum Lösungen vorliegen. Als Alternative werden einzelne biologisch zertifizierte Betriebe vorgestellt, die wohlbekannten Zauberworte sind Nachhaltigkeit, Diversität, Klasse statt Masse, Regionalität, Saisonalität etc. Die entsprechenden Ansätze scheinen im Kleinen gut zu funktionieren, Paradebeispiel dafür ist erstaunlicherweise ausgerechnet das Land Indien, das bisher von industrieller Agrarwirtschaft, global operierenden Saatgutmultis und Monokulturen weitgehend verschont blieb, weil die überwiegende Anzahl der vielen Kleinbauern dafür gar kein Geld übrig hätte.

Die insgesamt 12 Kapitel illustrieren auf diese Weise anschaulich und nachvollziehbar die grundsätzlichen Probleme der modernen Agrarwirtschaft in verschiedenen Teilen unserer Welt. Es werden alternative Ansätze vorgestellt, aber keine umfänglichen Lösungen angeboten. Hier halten sich die Autoren vornehm zurück. Als Leser stellt man sich im Laufe der Lektüre unweigerlich die Frage, ob die vormaligen Luxusgüter Mandeln, Kaffee, Tee, Kakao, Fleisch, Orangen, Wein und/oder Austern den Bewohnern der ersten Welt wirklich immer, überall und preiswert zur Verfügung stehen müssen. Vielleicht wäre zumindest ein Teil der Lösung auf solche Lebensmittel zumindest zeitweise zu verzichten und sich mit saisonalen Produkten der eigenen Lebensregion zu begnügen und das müsste nicht einmal unbedingt eine spürbare Einschränkung sein. (Haselnüsse statt Mandeln, Wein aus der Region, Erdbeeren und Spargel nur im Frühling, Tomaten und Gurken nur im Sommer, Kohl und Rüben im Winter, weniger Kaffee und Schokolade, öfter mal fleischlos oder vegan etc. und vor allem von allem weniger!) Stattdessen wird ausnahmslos so getan als sei es das Grundrecht eines jeden Menschen zu jedem Zeitpunkt ressourcenintensive Luxuslebensmittel konsumieren zu dürfen. Weniger Fleisch? Weniger Zucker? Weniger importierte Lebensmittel? Fehlanzeige, am Ende des Buches werden den einfachen Lesern vollkommen irreale Empfehlungen gegeben: Bodenqualität verbessern, Forschung fördern, ja genau, das sind die praxisfernen Ratschläge der Experten für den deutschen Endkonsumenten. Hä?

Vielleicht wäre eine einfacher und praktikabler Beitrag für den Einzelnen: Verzicht üben. Damit wäre vermutlich schon viel getan. Muss es wirklich Wein aus Kalifornien oder Australien sein? Warum nicht ein Tropfen von der Mosel oder den wunderbaren Hanglagen am unterfränkischen Main? Warum täglich Fleisch essen, wenn es auch köstliche vegetarische Gerichte mit regionalen Gemüsen gibt? Ist ja nicht so, dass wir heute oder in den letzten Jahrzehnten in der ersten Welt an furchtbaren Mangel leiden.

Fazit: Interessante Aufklärungsschrift zum Stand der globalen Agrarwirtschaft. Leider werden ausschließlich Luxusprodukte als Beispiele herangezogen und das ungezügelte Konsumverhalten der westlichen Welt keiner kritischen Betrachtung unterzogen. Am Ende des Buches wünscht man sich fast, dass die Agrarkonzerne mit ihrem rücksichtslosen Vorgehen frontal an die Wand fahren. Dass man in der Folge als Konsument evtl. auf Mandeln, Kaffee, Orangen und Oliven verzichten müsste, wäre wohl zu verkraften.

Das Taschenbuch erscheint im dtv Verlag, hat 288 Seiten und kostet 16,90 Euro.

6 Gedanken zu “Buch: „Verbrannte Mandeln“ von Wilfried Bommert & Marianne Landzettel

  1. Zu spät, Dennis. Wir fahren alle schon auf max. Luxus ab.
    Dabei: Kartoffeln, Linsengerichte, Bohnen, Reis, tomatencreme mit ei,….das alles sättigt und schmeckt. Seit zwei Jahren lebe ich vegetarisch…

    • @Gerhard: Jetzt widersprichst du dir aber selbst, lieber Gerhard. Anscheinend bist du selbst ein gutes Beispiel dafür, dass eine Ernährungsumstellung auf gesunde und nachhaltige Lebensmittel gelingen kann.

      Bei Uneinsichtigen kann dann eine entsprechende Preis-/Steuergestaltung nachhelfen. Das ist eine klassische Aufgabe der Politik. Umweltzerstörung bei der Produktion muss sich im Preis niederschlagen, so könnte man die Verbrauchergewohnheiten in sinnvolle Bahnen lenken.

  2. was (umgestaltungswille der politik) aber leider an der macht der agrar/wirtschaftslobbyisten scheitert – siehe glyphosphat, neoniconitoide usw….

    • @Bernhard: Naja, die Umgestaltung der Parteienlandschaft und die damit einhergehende Bildung einer neuen Regierung liegt ja auch in der Hand des mündigen Bürgers und steht sogar unmittelbar bevor.

      Vielleicht einfach mal keine Partei wählen, die der Großindustrie (Auto, Chemie/Agrar, Waffen) in den Hintern kriecht. Also einfach mal nicht CDU/CSU, SPD oder FDP wählen. Ich gebe zu, da bleibt nicht mehr allzuviel übrig, aber ein, zwei Parteien dann eben doch.

      Abgesehen von dieser Wahl, wählen wir aber jeden Tag, verteilen Stimmen und Gewicht, wenn wir unser Geld ausgeben. Vielleicht kann man mit konsequentem Konsumverhalten als Einzelner insgesamt sogar mehr bewirken. Noch dazu ist man Vorbild für Kinder, Verwandte, Freunde, Nachbarn.

  3. Ich widersprach mir nicht.

    Ich mache privat gerne mal auf Chris Jordan’s Running the numbers aufmerksam, weil seine Arbeit so „schön“ aufzeigt, was unser Konsumverhalten anrichtet.

  4. @Dennis, die von dir erwähnten Parteien habe ich noch nie gewählt und werde es wahrscheinlich auch nie tun, denn da bleibt alles beim Alten und das will ich nicht, weils ungerecht ist; bleibt die Hoffnung, dass vlt ein paar mehr sich trauen was andres zu wählen und dann hoffentlich nicht die Partei die ein Alternative predigt, die ich nämlich sicher nicht will!

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