Buch: „Mein Jahr im Wasser“ von Jessica J. Lee

Jessica J. Lee, geboren 1986 in Ontario, Kanada, ist die Tochter walisischer und taiwanischer Einwanderer. Nach der Schule führten sie akademische Studiengänge nach Neuschottland, von da nach London und schließlich in die deutsche Hauptstadt Berlin. Hier arbeitete sie still und einsam am schriftlichen Teil eines Promotionsstudiengangs. Zum körperlichen Ausgleich zur intensiven, geistigen Arbeit besuchte sie über ein Jahr und vier Jahreszeiten hinweg 52 verschiedene Seen in und um Berlin. Meist waren es Tagesausflüge mit Bus, Bahn und/oder Fahrrad, alleine oder zusammen mit Freunden und jedesmal stieg sie bei der Gelegenheit ins Wasser und schwamm eine Runde. Egal ob warm oder kalt, sonnig oder windig, Frühling, Sommer, Herbst oder Winter.

Über diese Zeit hat sie im Frühjahr 2017 das Buch „Mein Jahr im Wasser“ veröffentlicht, es trägt den Untertitel „Tagebuch einer Schwimmerin“. Es erscheint in der feinen und sensiblen Übersetzung aus dem Englischen von Nina Frey und Hans-Christian Oeser. Aufschlussreich ist der Titel der englischsprachigen Originalausgabe „Turning: A Year in the Water“. Es geht nämlich um viel mehr als Badetouren und Schwimmausflüge.

Das Jahr im Wasser wurde für die Autorin zum emotionalen und psychologischen Wendepunkt. In ihrem jungen Leben hatten sich zu diesem Zeitpunkt etliche Geschehnisse zu einer handfesten, persönlichen Krise verdichtet. Der spezielle Migrationshintergrund, die Scheidung der Eltern, diverse Umzüge, eine gescheiterte Ehe, Leben im Ausland, kulturelle Brüche, Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten und schließlich ein Unfall mit gravierender Verletzung führten zu Vereinsamung und Depression. Die anschließende Zeit in Berlin wird zu einer retro- und introspektiven Phase, in der auf die eigene Kindheit, Jugend und Studienjahre zurückgeblickt wird. Die Erinnerungen sind umfangreich, reichen tief, sind schön, aber zum Teil auch schmerzhaft und verbunden mit Gefühlen von Enttäuschung, Ohnmacht, Angst und Wut. Ein Ausdruck dieser mächtigen Gefühle ist die panische Angst der Autorin vor freien Gewässern, ihrer Dunkelheit und Tiefe, obwohl sie bereits als Kind Schwimmerin war und regelmäßig in Schwimmbecken trainierte. Mit dem Besuch der 52 Seen im Laufe eines Jahres stellt sie sich ihren Ängsten und überwindet sie schließlich.

Aufgeteilt ist das Buch in vier große Kapitel, die nach den Jahreszeiten benannt sind. Es beginnt im Sommer und führt über Herbst und Winter bis in den Frühling. Lee beschreibt die Ausflüge farbenreich und poetisch, erzählt von landschaftlichen Besonderheiten und ungewöhnlichen Begegnungen. Als oft zitierter literarischer Bezugspunkt dient Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Zu Beginn jedes Kapitels erklärt sie die für die entsprechende Jahreszeit typischen Zustände und Veränderungen eines See aus Sicht des Forschungszweigs der Limnologie (Wissenschaft von den Binnengewässern). Es folgen Exkurse zur Entstehung der Seen durch Gletscher in der Eiszeit oder die künstliche Schaffung von Seen durch die Flutung ehemaliger Gruben in ostdeutschen Braunkohlerevieren.

Diesen konkreten Ausführungen stehen übergangslos Exkurse in die persönliche Vergangenheit gegenüber. Meist werden Schlüsselsituationen der eigenen Entwicklung und ihre emotionalen Auswirkungen skizziert. Das Buch wird somit zu einer ungewöhnlichen Kombination aus Ausflugschronik, Reiseliteratur, kulturlandschaftlicher Betrachtung Schwimmlogbuch, Auszugsautobiographie, selbsttherapeutischem Tagebuch, analytischem Psychogramm und mosaikhaftem Entwicklungsroman. Ein bewundernswert mutiges und ausgesprochen feminines Werk.

Das broschierte Buch erscheint im Berlin Verlag, hat 336 Seiten und kostet 18 Euro.

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