Buch: „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“ von Helmut Krausser

Helmut Krausser ist ein vielseitiger und fleißiger deutscher Schriftsteller, Dichter und Komponist. In den zurückliegenden Jahrzehnten verfasste er mehr als ein Duzend Romane, dazu Erzählungen, Gedichtsammlungen, Bühnenwerke, Opernlibretti, Hörspiele, Tagebücher und Liedtexte. Darüber hinaus betätigt er sich als Komponist zeitgenössischer Kunstmusik und ambitionierter Schach- und Backgammonspieler. Für einige seiner literarischen Arbeiten wurde er mit renommierten Preisen ausgezeichnet.

Im Januar 2018 erschien im Berlin Verlag sein Roman „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“. Typisch für Krausser, ist das Setting phantasievoll und provokant. Beschrieben werden Ereignisse aus der Sicht des Ich-Erzählers Leon Sklydolchowski, der im Jahr 2028 als Profisportler die Weltmeisterschaft im Leistungssex bestreitet. Hier treten Teams der ganzen Welt in verschiedenen, ungewöhnlichen Disziplinen gegeneinander an. Als sei diese Ausgangslage nicht schon kurios genug, kommt es zusätzlich zu ungewöhnlichen Geschehnissen. Dabei ist die Hauptfigur Leon Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Nach und nach erkennt man als Leser die Beziehungen der Figuren, es kommt zu Auseinandersetzungen, Streit, Komplotten und politischen Intrigen. Dazwischen webt Krausser literarisch eine ausführliche Emailkorrespondenz und Zitate des russischen Literaten Dostojewski, dessen Charakter in die gegenüberliegenden Pole Dosto und Jewski unterteilt wird.

Die beschriebenen Geschehnisse sind spannend und unterhaltsam, bis zum Schluss kommt es zu unerwarteten Wendungen. Krausser nutzt wie immer das absurde Setting um anregende und intelligente Gedanken zu entwickeln. Selbstverständlich spielt der Umgang mit Sexualität in diesem Roman eine zentrale Rolle, dabei wird es erstaunlicherweise an keiner Stelle erotisch oder gar pornographisch. Es ist eher so, dass in diesem dystopischen Gesellschaftsportrait auch die individuelle Sexualität als letztes intimes Rückzugsgebiet wie alle anderen Lebensbereiche dem Leistungsprinzip unterworfen worden ist. Während die Weltmeisterschaft in einem abgeriegelten Hotel in Kopenhagen ihren Lauf nimmt, toben außerhalb der Absperrung die ideologischen Gegner. Nebenbei wird in diversen Exkursen erklärt wie es zu der augenblicklichen gesamtgesellschaftlichen Situation gekommen ist. Es ist von politischen Entwicklungen, Terroranschlägen und Machtverschiebungen die Rede. Je weiter man als Leser in der Lektüre voranschreitet, je mehr man sich auf das Setting einlässt, desto plausibler erscheint die Darstellung. Am Ende ist es nicht die Weltmeisterschaft im Leistungssex, die einen erschreckt, sondern die menschlichen Abgründe, die sich in dem Roman auftun.

Fazit: Krausser ist immer für eine Überraschung gut. „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“ ist vielleicht nicht sein stärkstes, aber ein sehr ordentliches Zwischenwerk. Hat man einmal mit dem Lesen angefangen, fällt es schwer das Buch wieder wegzulegen und sei der Klappentext erstmal noch so abwegig.

„Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“ erscheint im Berlin Verlag, hat 240 Seiten und kostet gebunden 20 €.

4 Gedanken zu “Buch: „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“ von Helmut Krausser

  1. das hört sich interessant an, hatte den kollegen erst einmal gelesen und in sehr guter erinnerung (melodien 1993) ich wusste gar nicht dass er so produktiv ist – muss ich mir mal wieder was hernehme!!!

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