Album: „Getting Into Trouble“ von Markus Rill

Markus Rill schreibt schon sein halbes Leben lang englischsprachige Songs, produziert Aufnahmen und veröffentlicht Alben. Zum 20-jährigen Jubiläum seines Debutalbums „Gunslinger’s Tales“ (1997) hat er sich und seinen Hörern mit dem Doppelalbum „Getting Into Trouble“ (2018) ein besonderes Geschenk gemacht. Auf CD1 präsentiert er Neueinspielungsen herausragender, eigener Songkompositionen in alternativen Interpretationen, auf CD2 finden sich ehemals verstreute Aufnahmen von Nebenprojekten, Eigenveröffentlichungen, Kollaborationen und EPs, Bonus-Material, das in vor-digitalen Zeiten mal unter dem Begriff B-Sides zusammengefasst wurde.

In seinen mehr als 20 Jahren als Musiker und Songschreiber kann der Würzburger auf einen beeindruckenden Werdegang zurückblicken. So richtig auf Tuchfühlung mit der US-amerikanischen Musik- und Songwritertradition ging es für ihn während eines Studienjahrs in Austin, Texas, einer liberalen Künstlerenklave im erzkonservativen Lone-Star-State. Hier entstanden erste Songs und Rill sammelte wertvolle Erfahrungen bei Open-Mics. Zurück in Germany beendete er zwar noch sein Studium, arbeitete aber parallel mit voller Kraft und der Unterstützung erfahrener regionaler Musiker an seinem Albumdebut „Gunslinger’s Tales“ (1997). Das Nachfolgealbum „The Devil & The Open Road“ (1999) erschien dann bereits bei dem renommierten Heilbronner Americana-Label Blue Rose. Von da an folgten Besprechungen im Rolling Stone, Albumproduktionen in Nashville, kleine und große Tourneen im In- und Ausland, unzählige Zusammenarbeiten mit anderen Musikern, Platzierungen bei Songwriterwettbewerben und viele weitere Alben.

Rill ist ein fleißiger und kontinuierlicher Songschreiber. Bei seiner Arbeit lässt er sich von amerikanischer Literatur und persönlichen Erlebnissen inspirieren. Von Anfang an sind Personen und Handlungen seiner Texte im US-amerikanischen, vorzugsweise Südstaaten-Milieu, angesiedelt. Die Hauptfiguren heißen Jack, Frank und Will, Orte der Handlung sind Omaha, Wichita und Arkansas. Daran und an die oftmals sehr archaischen Themen (Liebe, Tod, Teufel) muss man sich als Zuhörer erstmal gewöhnen. Gerade wenn man weiß, dass Rill Deutscher ist, wirkt es zuweilen etwas aufgesetzt und gewollt, aber nach 20 Jahren hat man akzeptiert, dass das sein bevorzugtes narratives Setting ist.

Über die Jahre hat Rill mit vielen Besetzungen, Musikern und Studiobetreibern zusammengearbeitet. Es kam dabei zu vielen, nicht immer freiwilligen, Um- und Neubesetzungen, die Leute kamen und gingen. Leider hat er dadurch nie eine echte Workingband für dauerhafte Live- und Studioarbeit gehabt, mit der sich über ein paar Jahre hinweg in derselben Besetzung ein Sound etablieren hätte lassen. Studiobesetzung und Liveband unterschieden sich zum Teil massiv, insbesondere zur Zeit der Nashville-Produktionen, zusätzlich spielt und spielte Rill seine Konzerte oft ganz ohne Band, solo oder im Duo mit wechselnden musikalischen Partnern. Diese Arbeitsweise schlägt sich nun auch in den Aufnahmen zum aktuellen Doppelalbum nieder: Kaum mal zwei Songproduktionen, bei der dieselben Musiker beteiligt gewesen wären, es geht zu wie im Taubenschlag, die Musiker müssen sich die Türklinke buchstäblich in die Hand gedrückt haben, falls sie denn überhaupt zur selben Zeit im selben Raum waren.

CD1 bietet für treue Fans eine frische, musikalische Perspektive auf altbekannte Songs. Es sind interessante Namen versammelt: Dave Coleman, Tom Ripphahn, Robert Overbeck und sogar Rills alter Freund und Mitstreiter Julian Fischer. Aber selbst die Mixe stammen aus verschiedenen Studios, klingen dadurch uneinheitlich, wirken durch den übertriebenen Einsatz von Raumhall verschwommen und sind noch dazu überkomprimiert. Bei aller Sympathie ist auch schwer nachzuvollziehen, warum rhythmische Unsauberkeiten der Bandbegleitung und Intonationsfehler im Gesang nicht einfach digital editiert wurden. Eine entsprechende Bearbeitung gehört mittlerweile längst und völlig zu Recht zum etablierten Standard. Fehler dürfen korrigiert werden.

Eine ähnliche Kritik gilt auch für CD2, nur ist hier bereits von vornherein klar, dass die Entstehungszeiten von Aufnahmen und Mixen sich über nahezu 20 Jahre erstrecken. Ganz genau kann man es als Außenstehender nicht wissen, leider fehlen die Angaben dazu, obwohl die Besetzung der Musiker bis ins letzte Details anstandslos verzeichnet ist. Bei diesen B-Sides war wohl ein Eingriff in den Mix größtenteils nicht mehr möglich. Zusammengenommen bildet der zweite Teil des Albums eine interessante Retrospektive auf zwei Jahrzehnte musikalische Aktivität. Hier sind neben Rill-Originalen auch endlich mal ein paar Fremdkompositionen vertreten und die stehen dem Sänger ganz gut zu Gesicht.

Die in Lebenslauf und Linernotes oft bemühten Vergleiche mit amerikanischen Musikstilen wie Bluegrass, Rockabilly, Cajun, Country, Southern-Soul, Roots- und Heartlandrock wirken ein klein bisschen zu euphorisch. Nicht ganz unberechtigterweise wurde Rill in einem Rolling Stone-Review deswegen einmal Epigonentum vorgeworfen. Es kommt dazu, dass Rills Mitstreiter an die musikalischen Vorbilder instrumental-technisch nicht heranreichen, sosehr sie sich auch erkennbar bemühen. Da wäre ein eigener Ansatz vermutlich ehrlicher und authentischer. Und das ist dann auch der ganz große Wiederspruch in Rills Werk: Authentizität entsteht nicht durch das Nachahmen vermeintlicher Authentizität anderer.

Für die nächsten 20 Jahre wünscht man Rill, dass er weiterhin Songs schreibt und Alben macht, aber bei seinem Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und Werkwillen muss man sich darum vermutlich keine größeren Sorgen machen. Schön wäre es auch, wenn er sich bzgl. textlicher Themenwahl und musikalischer Inszenierung weniger nach US-amerikanischen Vorbildern und Idolen richtet, sondern durch eigene Instrumentierung, Arrangements und Aufnahmen einen eigenen, originären Gesamtsound erschafft, im Notfall auch mit Unterstützung externer Produzenten. Mal sehen, ob er es schafft über diesen, eigenen Schatten zu springen.

Zum aktuellen Doppelalbum erscheint das folgende Video:

7 Gedanken zu “Album: „Getting Into Trouble“ von Markus Rill

  1. @Gerhard wenn du meinst er (Rill) könnte darüber verstimmt sein, dann sollte er eben im stillen Kämmerlein spielen, wenn er sich der Öffentlichkeit preis gibt muss er Kritik auch abhaben können! Auch wenns ihm wie in diesem Fall trouble machen könnte, aber dafür hat er ne kostenlose Analyse :-)

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