USA: Burgers, Beer & Barrells

Das Schuljahr 1988/89 verbrachte ich als Austauschstudent in den USA. Im Laufe der 10. Klasse hatte ich mich an verschiedene Organisatoren gewandt und eine Art Auswahlverfahren durchlaufen. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass sie so gut wie jeden genommen haben, immerhin zahlte man für die Organisation des Aufenthalts gutes Geld. Es war dann irgendwann klar, dass es in den Sommerferien nach Ende des laufenden Schuljahrs losgehen sollte. Wir hatten Fotos von mir und meiner Familie gemacht und einen Fragebogen mit Angaben zu meinen Vorlieben und Hobbys ausgefüllt und waren gespannt welche US-amerikanische Familie sich für mich entscheiden würde. Ausgerechnet zu der Zeit gab es aber wohl mehr Bewerber als Gastfamilien und so dauerte und dauerte es. Das Schuljahr war zu Ende gegangen und immer noch hatte ich keine Ahnung, wo es in wenigen Wochen hingehen würde. Irgendwann kam dann doch die Nachricht. Ein junges, frisch verheiratetes Paar in der Kleinstadt South Point am südlichsten Ende des Bundesstaates Ohio würde mich aufnehmen. Er war Recruiting Sergeant der US Army, seine Gattin war Hausfrau. Zu einem Telefonat oder einer anderen Kontaktaufnahme kam es im Vorfeld nicht mehr. Ich packte meine Sachen, verabschiedete mich von Freunden und Familie und stieg in München Riem in den Flieger.

Am Abflughafen starteten etliche andere Austauschstudenten ebenfalls ihren Tripp. In New York angekommen verteilten sich alle in verschiedene Himmelsrichtungen. Für mich ging es, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, weiter nach Philadelphia und von da aus nach Huntington, West Virginia. Nach fast 30h unterwegs, wurde ich dort von irgendjemandem abgeholt. Ich war todmüde und kann heute nicht mal mehr sagen, wer mich an dem kleinen Provinzflughafen in Empfang nahm. Die Gasteltern? Ein Verantwortlicher der Organisation? Keine Ahnung. Aber ich erinnere mich sehr gut an den darauffolgenden Tag, meinem ersten Tag in dem Land, das für ein knappes Jahr mein vorübergehendes Zuhause sein sollte.

Meine Gasteltern weckten mich gegen 8:00 oder 9:00 am nächsten Tag, durch die Übermüdung und den Jetlag kam es mir allerdings vor als wäre es 3:00 nachts. Es muss an ein Wochenendtag, entweder Samstag oder Sonntag gewesen sein. Ich sollte mich schnell anziehen und ohne Frühstück ging es los ins Auto und rauf auf den Freeway. Am nächstbesten McDonald’s ging’s in den Drive Through, etwas, was man damals in Deutschland noch nicht kannte. Ich durfte mir ein Frühstück als Take Away zusammenstellen Pancakes, McMuffin, Hash Browns und habe dieses würdige Festmahl auf dem weiteren Weg auf dem Rücksitz im Auto zu mir genommen. Für einen Teenager der 1980er Jahre war das selbstredend ein vielversprechender, kulinarischer Start in den neuen Lebensabschnitt.

Wir waren auf dem Weg nach Fort Knox, Kentucky, ja genau, das ist der legendäre Militärstützpunkt, wo die US-amerikanische Goldreserve gebunkert wird. Ob mein Gastvater da beruflich zu tun hatte oder irgendetwas anderes zu erledigen war, kann ich gar nicht mehr sicher sagen. Am späten Nachmittag waren er und seine Frau zu einem privaten Barbecue irgendwo auf dem Land eingeladen und da war ich natürlich auch dabei. Die Leute dort waren sympathisch und sehr gastfreundlich. Im Garten nach hinten raus war ein riesiger Gasgrill aufgebaut, daneben standen Berge von marinierten Spare Ribs, vorgeformten Burgerpattys, gebratenem Bacon, Brötchen, Käse, Salat, Saucen, es war ein klassisches, amerikanisches BBQ, dazu gab’s kalte Softdrinks und Bier aus der Dose. Als alle gegessen hatten, gingen die Männer mit ihren Bierdosen in der Hand auf ein Feld hinters Haus und mein Gastvater meinte ich solle mal mitkommen, jetzt würde der spaßige Teil beginnen und der sah so aus:

Die Männer stellte die leeren Dosen und Flaschen auf Felsen und umgedrehte Eimer, dann stellte sie sich auf, holten schwere, scharfe, großkalibrige Pistolen und Gewehre aus irgendwelchen Halftern und Taschen und fingen an damit auf die Dosen zu schießen, zwischendurch ein Schluck Bier oder Tennessee Whiskey, nachladen und wieder drauf gehalten. Es war laut, gefährlich, die Rückschläge der 45er waren enorm. Ich war in einer Art Schockstarre und sah den Männern gleichzeitig fasziniert und angeekelt bei der Ausübung ihres verbrieften Rechts (2. Zusatzartikel der Verfassung) zu. Mein Gastvater hatte meine Reaktion bemerkt, kam grinsend auf mich zu und fragte mich, ob ich auch mal schießen wolle. Gejohle unter den Waffenbrüdern. „Yeah, give him a gun and let him shoot!“

Ich war überrumpelt, für einen kurzen Augenblick erwog ich das Spiel mitzumachen, um das Verhältnis nicht gleich zu Beginn zu belasten. Aber es ging in diesem Augenblick mehr als um einen guten Eindruck bei einem fast fremden Mann. Sicherlich meinte er das Angebot nicht böse, der Umgang war für ihn als Amerikaner im Allgemeinen und als Mitglied der US-Army im Besonderen nichts ungewöhnliches. Ich entstamme jedoch einer dezidiert pazifistischen Familie: Mein Urgroßvater Ludwig Hermann Schütze war Ende des 19. Jahrhunderts frühzeitig aus dem zweijährigen Dienst im preußischen Militär entlassen worden, weil er sich beim Dienst an der Waffe (absichtlich) so unbeholfen anstellte, dass man ihn aussortierte. Übrigens mit dem schriftlich überlieferten Hinweis, dass es eine Schande wäre, Schütze zu heißen und dann so schlecht zu schießen, dass man eine Gefahr für die eigene Truppe darstellte. Er hat aufgrund dieser Entscheidung an keinem der beiden Weltkriege teilnehmen müssen. Seine zwei Söhne haben nie eine Waffe abgefeuert. Als ausgebildeter Pianist war der eine Funker in Berlin, der andere kriegswichtiger, ziviler Mitarbeiter in der Berliner Werksniederlassung von BMW, Abteilung Flugzeugmotoren. Auch mein Vater war aufgrund einer Spezialregelung als gebürtiger Berliner von der Bundeswehr befreit und hat in seinem ganzen Leben keine Waffe angefasst. Er war mir mit dieser Familiengeschichte daher unmöglich für einer Horde angetrunkener Männer eine Waffe in die Hand zu nehmen und wild in der Gegend herum zu ballern. Dafür würfde ich meine Familienehre nicht opfern, das war mal sicher. Ich artikulierte mein Nein freundlich und leise und ohne jede weitere Begründung. Es wurde murrend zu Kenntnis genommen, aber man ließ mich in Ruhe. Weil ich nicht dumm im Weg rumstehen wollte, während sich die Leute über gute Schüsse und unerwartete Irrläufer amüsierten, ging ich zurück zu den Frauen und half beim Abwasch.

Ich weiß nicht mehr genau, wie wir wieder nach South Point zurückgekommen sind. Die Schießerei beim BBQ war auf jeden Fall kein Gesprächsthema mehr. Zwei Wochen später war die Frau des Sergeants schwanger, sie wollten umziehen und gaben mich deswegen zur Adoption frei. Es fand sich rasch eine andere Familie in der Gegend, die mich stattdessen aufnahm und betreute. Dort gab es zwar keine Waffen, aber leider auch kein anständiges Barbecue. Vom Sergeant und seiner Frau habe ich nie wieder etwas gehört.

3 Gedanken zu “USA: Burgers, Beer & Barrells

  1. tja backyard shootings sind völlig normal; das Verhältnis der Amis zu Waffen is schon völlig anders als hier, auf jeden Fall unbedarfter und wenn man bedenkt, dass 2/3 aller tödlichen Unfälle tatsächlich das sind, nämlich Unfälle, umso bedenklicher!
    300 00 Waffen 30 000 Tote pro Jahr!!!
    erstaunlicherweise gehört es aber nicht einmal zu den gefährlichsten Länder dieser Welt https://de.wikipedia.org/wiki/Tötungsrate_nach_Ländern
    Da führt Süd- und Mittelamerika mit weitem Abstand.
    Aber zurück zum Thema ich verstehe den Zusammenhang zwischen Spass ballern und Pazifismus nicht so ganz! Ok ich habe auch den Kriegsdienst verweigert, weil ich nicht auf Menschen schiessen will, wenn es mir befohlen wird; aber mir macht Schiessen richtig Laune, habe nur während der Verweigerung und der verlangten Zusammenhänge in Begründungen darauf verzichtet. Für mich gibt es da keine Ehre als Pazifist zu verteidigen, wenn ich auf Pappscheiben oder Fallscheiben oder was weiss ich ballere BÄMBÄM macht Spass bei Menschenpappscheiben war/ist das was anderes.

  2. ..klar hat der richtige Umgang mit Waffen Vorrang; Alk und Waffen ist keine gute Kombi und natürlich sollte die auch nicht jeder haben dürfen und bspw. in good ole europe ist das ja auch stark reglementiert und Tote durch Schusswaffen gehen zu fast 100% auf die Staatsgewalt zurück oder illegale Waffenbesitzer!!! 70 oder Selbstmord 750.
    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/163504/umfrage/anzahl-der-legalen-waffenbesitzer-in-deutschland/
    Das finde ich schon sehr bezeichnend. Backgroundcheck reicht hier in D bei Weitem nicht.
    Man sieht dass zumindest der legale Besitz sehr gut durch Gesetze zu regeln ist.
    Mir ging und geht es ja um Umgang mit Waffen aus Spass also zum Schiessen.
    btw Bögen und Armbrüste sind hier in D auch völlig ohne Beschränkung zu haben und ironischerweise ist eine Mehrzahl aller Gewaltopfer durch Küchenmesser zu beklagen.
    Die sind eben schnell greifbar – in den Staaten aber bezeichnenderweise eher Waffen.

  3. Ich habe mich vor etwa 15 Jahren schon mal mit dem Thema beschäftigt. Im „Atlantic“ gibt es einen Artikel „A grief like no other“.
    A must read.

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