Album: „Tangents“ von Gary Peacock Trio

Der US-amerikanische Kontrabassist Gary Peacock (*1935) kann auf ein bewegtes und facettenreiches Leben zurückblicken. Nach seinem Militärdienst, den er in Deutschland absolvierte, lebte er an der amerikanischen Westküste, darauf in New York, Japan und Seattle. Im Laufe seines Lebens durchlief er auch einige persönliche Metamorphosen: Er startete als Pianist, wechselte dann zum Kontrabass, war einige Jahre ZEN-Schüler und studierte im Alter von 40 Jahren Biologie. Als Bassist arbeitete er seit den sechziger Jahren mit allem was Rang und Namen hat: Barney Kessel, Art Pepper, Bill Evans, Miles Davis, Keith Jarrett u.v.a.m., oft agierte er als Sideman in den Ensembles anderer, seit 1970 hat er jedoch auch als Bandleader ein gutes Dutzend Alben eingespielt. Ab 1977 erschienen sie alle auf dem deutschen Ausnahmelabel ECM.

Im Sommer 2017 wurde kürzlich das Album „Tangents“ veröffentlicht. Eingespielt wurde es im Frühjahr 2016 in klassischer Triobesetzung. Wie das Vorgängeralbum „Now This“ (2015) ist es eine erneute Zusammenarbeit mit Marc Copeland (piano) und Joey Baron (drums). Klangsprache und Repertoire klassisch zu nennen ist bereits eine maßlose Untertreibung, aber wenn sich jemand erlauben darf den US-amerikanischen Jazz der 1960er Jahre zu spielen, dann wohl Peacock, der bereits vor über 50 Jahren maßgeblich zu dessen Entwicklung beigetragen hat. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen eine großartige, aber bis heute vergessene Ensembleaufnahme aus den Archiven eines der großen Jazzlabels zu hören. Lediglich der fantastische Klang der Tonaufnahme könnte einem einen Hinweis darauf geben, dass die Einspielung im digitalen Zeitalter entstand.

Klar und deutlich kann man die musikalischen Einflüsse von Bill Evans auf alle drei beteiligten Musiker insbesondere natürlich auf den Pianisten Copeland heraushören. Neben zehn Eigenkompositionen im klassischen Stil ist mit „Blue in Green“ auch ein ikonischer Standard dabei, dessen Komposition Miles Davis für sich in Anspruch nahm, der aber vermutlich mindestens zum gleichen Anteil, wenn nicht gar komplett, von Bill Evans selbst stammt.

Das Trio ist gut austariert, die Arrangements sind fein, die Instrumentalisten finden ihren Platz, keiner drängt sich hervor, alle kommen gut zu Geltung. Trotz überwiegend neuem Musikmaterials und der Umsetzung auf höchstem Niveau, wirkt das Album wie das Re-Enactment einer vergangenen Epoche, so wie es bei Musik der klassisch-romantischen Tradition üblich ist, nicht ganz so sachlich-nüchtern wie in der Sparte der historischen Aufführungspraxis, aber in der Richtung. Wer die musikhistorischen Vorlagen schätzt, kann sich freuen, wer neuartiges erwartet wird vermutlich enttäuscht sein. Also eher was für konservative Traditionalisten, die trotzdem mal was neues hören wollen. Nicht so sehr geeignet ist das Album für Progressive, die auf der Suche nach neuesten Entwicklungen. Der innovative Kern des zeitgenössischen Jazz wird hier nicht einmal tangiert.

Leider gibt es zum Album keinen Videotrailer, wie sonst oft üblich. Immerhin lässt sich ein Livemitschnitt des Trios von einem Jazzfestival finden, der kurz nach oder vor den Aufnahmen zum Album entstanden sein muss.

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