Den Beruf zum Hobby gemacht

Wenn andere Menschen aus irgendeinem Grund erfahren was ich so beruflich mache, höre ich immer wieder, ich könne mich glücklich schätzen, denn ich hätte mein Hobby zum Beruf gemacht und was gibt es schöneres etc. Aber das stimmt nicht, jedenfalls nicht so wie Leute, die so etwas äußern, es wahrscheinlich meinen. Die Wahrheit ist, ich habe nicht mein Hobby zum Beruf gemacht, ich habe meinen Beruf zum Hobby gemacht und zwar noch bevor ich ihn jemals ausüben konnte.

Ich wurde an einer Berufsfachschule für Musik zum Chorleiter ausgebildet, habe an einem Konservatorium klassische Gitarre studiert und danach ein Studium im Fach Musik- und Kulturwissenschaft absolviert und mit einer Promotion beendet. Wenn man es genau nimmt, war ich in keinem dieser Berufsfelder jemals ernsthaft tätigt. Stattdessen arbeitete ich als Sänger & Rhythmusgitarrist in Tanz- und Unterhaltungsbands, als Booker, Songwriter, Arrangeur, Musikproduzent, Universitäts- und Hochschuldozent, Moderator, Redner, Rezensent, Berichterstatter, Reise- & Fahrradblogger. Manche können jetzt einwenden, aber er unterrichtet doch auch. Ja, aber vor allem in musikalischen Fachbereichen, die eben gerade nicht studiert habe. Die Instrumente: Stahlsaitengitarre, E-Gitarre- E-Bass, Ukulele, Banjo, Mandoline. Dabei gerne: Tabulaturlesen, Akkordspiel und Improvisation in Pop, Rock, Blues, Jazz, Folklore und nur in sehr seltenen Fällen Musik der klassisch-romantischen Tradition.

Es ist nicht so, dass ich meine erworbenen Qualifikationen in meinem Berufsleben nicht gerne eingebracht hätte, ganz im Gegenteil, Chor- und Ensemblearbeit haben mir immer Freude bereitet, ich habe jahrelang ausschließlich klassische Gitarre gespielt und nicht mal eine E-Gitarre besessen. Ich habe als Musikforscher viel Zeit in Bibliotheken, Archiven und Antiquariaten verbracht, habe Forschungsreisen unternommen, schon immer viel gelesen, diskutiert und geschrieben. Es gab in meinem späteren Berufsleben nur fast überhaupt keine Nachfrage zu diesen Tätigkeiten. Dafür bestand umso mehr Interesse an den anderen und dazu kam: Es fiel mir auch sehr leicht. Ich war durch die Plattensammlung und Hörgewohnheiten meiner Eltern gut mit internationaler Unterhaltungsmusik vertraut. Für mich war es relativ unaufwändig als Sänger und Instrumentalist in kürzester Zeit ein umfangreiches Repertoire aufzubauen und immer wieder mit aktuellen Titeln zu erweitern. Die Grundidee von Ukelele, Banjo und Mandoline hat man als klassisch trainierter Gitarrist schnell begriffen. Wenn man Konzerte besucht, sich mit Kollegen austauscht, Blogs liest und Youtubetutorials ansieht, kann man in kurzer Zeit viel erfahren und lernen. Und so habe ich mich ohne es zu merken graduell immer weiter von meiner eigentlichen Ausbildung entfernt, solange bis meine berufliche Tätigkeit fast nichts mehr mit ihren Ursprüngen zu tun hatte. Ich verbringe inzwischen mehr Zeit am Rechner als an Instrumenten, produziere für mich und andere aber mehr Musik als jemals zuvor in meinem Leben. Durch meine Tätigkeit als Lehrer, Blogger und Fachbuchrezensent bin ich bei vielen populärkulturellen, musikpädagogischen und musikwissenschaftlichen Themen auf dem aktuellen Stand, wovon direkt nach meinem Studium nun wirklich keine Rede sein konnte.

Mit einigen wenigen Schülern und zum Privatvergnügen spiele ich hin und wieder klassische Gitarre, gehe zu Chorkonzerten oder höre KlassikRadio. Passiert leider viel zu selten, habe leider auch nicht mehr das kulturelle Umfeld, in dem das normal wäre. Alle drücken nur noch auf ihren Smartphones rum, glotzen Serien oder müssen sich von irgendwas erholen. Kein Mensch ist wirklich interessiert an bildungsbürgerlicher Kultur und zu einem gewissen Teil kann ich das sogar nachvollziehen. Ist meist teuer, langwierig, anstrengend und so verdammt selten lustig oder unterhaltsam.

Woran liegt nun aber diese ungeplante berufliche Entwicklung? Woran liegt es, dass meine Ausbildungsprofile zum bloßen Hobby degradierten und lapidare Nebentätigkeiten zu meinem zentralen Berufsbild geworden sind?

Eine Antwort ist, dass die Berufe Chorleiter, Klassischer Gitarrist und Musikwissenschaftler im wirklichen Leben außerhalb von Musikschulen, Hochschulen und Universitäten gar nicht existieren. Chöre werden nebenbei von Kirchenmusikern, Schulmusiklehrern und (auf dem Land) von musikalischen Laien geleitet. Klassische Gitarristen gibt es in nahezu keiner Konstellation. Es gibt sie weder in Orchestern noch in Ensemblesetzung, vielleicht mal als Pseudo-Flamencos an einem spanischen Abend im Altersheim. Einige wenige international agierende Profis touren durch die Länder, sind aber außerhalb der kleinen Szenen nahezu vollkommen unbekannt. Das Fach Musikwissenschaft ist eine speziell deutsche Erfindung, schon alleine die Kombination der Worte Musik und Wissenschaft macht stutzig und lässt Naturwissenschaftler in schallendes Gelächter ausbrechen. Es wird dort vorzugsweise historische Musik in Notation (gerne in mittelalterlichen Neumen) behandelt (Latinum daher unbedingt erforderlich, kein Witz) somit fallen Pop, Rock, Jazz, Folklore und andere nicht notierte Musik von Anfang an raus. Im Rahmen eines Studiums lernt man u.a. lateinische Quelltexte zu lesen und ordentlich zu zitieren. Man lernt aber nicht wie man ein Interview führt, eine Konzertkritik schreibt oder einen Artikel zur Veröffentlichung bringt. Am besten bleibt man als Musikwissenschaftler im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Uni. Im wirklichen Leben sollte man sich schnellstens einen real existierenden Beruf suchen, wenn man nicht dauerhaft den eigenen Eltern auf der Tasche liegen oder verhungern will. Substantielle musikhistorische Forschung wird übrigens nicht zufällig in allererster Linie von akademischen Laien betrieben. Substanzielle Erkenntnisse von deutschen Musikwissenschaftler sind mir zumindest in meinem Fachgebiet nicht bekannt.

Die zweite Antwort ist, dass in den von mir als Alternative erschlossenen Arbeitsfeldern kein ausgebildetes Fachpersonal existiert. Es gibt keine Ukulelen-, Banjo- oder Bluesgrassmandolinenspieler mit deutschem Hochschulabschluss. Es gibt auch keine Ausbildung zum Unterhaltungsmusiker, Songwriter oder Fahrradblogger. Obwohl diese Tätigkeiten bei weitem verbreiteter sind als die Berufsabschlüsse, die ich erworben habe, gibt es dazu keine beruflichen Voraussetzungen oder Anforderungen. Crossing the boundaries. Learning by doing. Move your ass and your mind will follow. Da braucht es Neugier und Pioniergeist um im Geschäft zu bleiben. Was Kultur ist bestimmen im Bereich Pop und Unterhaltung nämlich nicht die Akademiker, sondern jeder Einzelne für sich und da sollte man sich drauf einstellen können. Als popkultureller Dienstleister, wie ich es nun mal bin, muss man da schön im Flow bleiben und die Zeichen der Zeit erkennen und deuten lernen. Man lebt und arbeitet im ständigen Transit. Muss altes aufgeben und sich neues aneignen. Da ist ehrliches Halbwissen und ein gesundes Selbstvertrauen gefragt. Man kann sich nicht dauerhaft bis an den Grund aller Dinge heranarbeiten. Die Karawane zieht sonst ohne einen weiter, der Zug ist abgefahren. Gesellschaft im Wandel, Kultur im Fluss. When the going gets tough the tough gets going.

Mit einem haben die Menschen aber letztlich doch recht. Ich kann mich, was meinen Beruf angeht, glücklich schätzen, was auch immer mein Beruf nun auch genau ist (das kann ich ja selbst gar nicht richtig sagen). Es ist und bleibt interessant und aufregend und egal ob als Musiker, als Lehrer, als Performer oder Produzent, fast immer habe ich mit hellhörigen und anspruchsvollen Kollegen, Schülern und Zuhörern zu tun, die an meinen Äußerungen, Ausführungen und Erklärungen ernsthaft interessiert sind. Egal ob man das nun Hobby oder Beruf nennen will, ich kann arbeiten und davon leben und mir ist in jedem Moment bewusst welch besonderer Luxus das ist. Mit dieser Erkenntnis kann man auch damit leben, dass einem das Studium einige wichtige Lebensjahre mit der Aneignung von unnützem Wissen verbaut hat. Für mich bleibt lediglich die Frage, was wäre geschehen, wenn ich von Anfang an die Augen und Ohren geöffnet hätte, jede Art von Ausbildung verweigert und ohne Umwege den eigenen Interessen gefolgt wäre.

10 Gedanken zu “Den Beruf zum Hobby gemacht

  1. In meinen Augen beschreibst du deine Berufung; und da du damit deinen Lebensunterhalt verdienst ist es nun mal im umgangssprachlichen Sinne dein Beruf. Das es dafür keine Ausbildung gibt wird, denke ich, immer natürlicher in der heutigen Zeit. Frag mal x-beliebige Akademiker besonders bei Allerweltsstudiengängen wie BWL mal nach dem Zusammenhang zwischen ihrem Studium und der ausgeübten Tätigkeit! Da dürfte die Deckungsgleichheit zwischen Ausbildung und Beruf gemessen zu dir teilweise noch erheblich geringer sein. Und auch die ständige Veränderung deines Berufsbildes ist ja schon common sense (lebenslanges Lernen). Ergo bist du nur ein Durchschnittsspiesser :-) wie alle anderen auch.

    • @Oberlehrer: Da weiß anscheinend jemand wovon er spricht. Was verändert sich bei dir im Beruf so? Der Lehrplan so alle 25 Jahre? Ferien bleiben ja meistens in etwa gleich verteilt, hehe.

      • die Menschen mein Freund und das ständig aber btw das meiste Andere auch und leider nicht immer zum Besten, mittlerweile bin ich zwangsläufig auch noch zum Verwaltungsbeamten mit Schwerpunkt Dokumentation geworden, aber einige Dinge wandeln sich langsam wie ein schwer Kahn das so an sich hat auch hier, Stichwort Paradigmenwechsel in der Sonderpädagogik oder neue Medien und tatsächlich ist die „Deppenschule“ schon immer Vorreiter neuer Entwicklungen in der Pädagogik, den da kann man ja nix falsch machen und die mal machen lassen….aber das führt jetzt zu weit….

      • …oh und ich vergaß ganz auf die Anspielung zu reagieren, alleine in den letzten 25 Jahren hat meine Schulart 3 mal ihren Bezeichnung geändert – der Schlauch also und der Wein wurde auch mehrfach verschnitten…. du siehst auch Beamte müssen mit veränderten Bedingungen umgehen!

  2. Ich bin froh so einen „Durchschnittsspießerlehrer“ zu kennen, der mir Durchschnittsspießer was lehrt. Egal ob Beruf, Berufung oder Hobby.
    @ Dennis
    Stell mal vor du hättest ein Handwerk gelernt. Das würdest du heute wahrscheinlich auch nicht mehr ausüben. Ist mir so ergangen.
    Du hast genau wie ich auf deinem Gelernten aufgebaut und dich weitergebildet/entwickelt. Andere Betätigungsfelder für dich endeckt mit denen du deinen Lebensunterhalt bestreitest.
    Wenn Leute das zu dir sagen, schwingt für mich ein bisserl Neid mit.

    • Auf dem Erlernten aufbauen und sich kontinuierlich weiterentwickeln, das wäre der Idealfall. Manchmal muss man auch auf dem nicht Erlernten aufbauen und sich trotzdem entwickeln.

    • ja gell Spiessiegkeit wird allgemein weit unterschätzt – ich fühl mich halt nur unter Meinesgleichen wohl; diese ganzen Freaks gehen mir dodal aufn Sagg

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