Noten: „Die Notenbücher der Geschwister Mozart“

In diesem editorisch aufwändig gestalteten Sammelband sind das „Notenbuch für Maria Anna (Nannerl) Mozart“ und das „Londoner Skizzenbuch“ zusammengefasst. Bei ersterem handelt es sich um eine handschriftliche Sammlung von Einzelstücken für Klavier, die der Vater und Musikpädagoge Leopold Mozart anlegte um seine Tochter Maria Anna, genannt Nannerl, als junges Kind im Klavierspiel zu unterrichten. Später wurde diese Kollektion von ca. 50 meist zweistimmigen Stückchen, darunter viele kurze Menuette, auch verwendet um den jungen Wolfgang Amadeus zu unterrichten. Die Kleinkompositionen stammen vom Vater selbst, umfassen aber auch Stücke von einigen Zeitgenossen. Zum Ende des Büchleins wurden vom Vater die ersten Kompositionsversuche des damals noch sehr jungen Mozarts notiert. Anlässlich einer großen Bildungsreise durch Europa erhielt Wolfgang Amadeus Mozart 1864 im Alter von 8 Jahren ein eigenes Notenheft, das heute unter dem Titel „Londonder Skizzenbuch“ bekannt ist. Er konnte inzwischen selbst schreiben und hielt hier seine musikalischen Ideen fest. Das Buch besteht aus ca. 40, eigenhändig notierten, zum Teil mehrsätzigen Kompositionen, die heute unter der Nummer 15 im Köchelverzeichnis katalogisiert sind.

Vermutlich ist aus musikwissenschaftlicher Sicht alles und eventuell noch etwas mehr über diese wertvollen musikhistorischen Dokumente gesagt und geschrieben worden. Auch wenn es erstaunt, dass weder zu dem einen, noch zu dem anderen einen Artikel im deutschsprachigen Wikipedia existiert. Lohnenswert ist immer noch ein Blick aus musikpädagogischer Sicht, weil insbesondere das „Notenbuch für Nannerl“ das Unterrichtskonzept des erfahrenen Musiklehrers Leopold Mozart erkennen lässt. Auffällig ist dabei, dass beide Kinder von Anfang an im zeitgenössisch vorherrschendem Stil unterrichtet werden, ein musikhistorisches Bewusstsein war damals noch nicht in dem Maße entwickelt wie heute. Etablierte Klavierschulen in Heftform waren ebenfalls nicht verbreitet und so griff der Vater ganz selbstverständlich auf eigene Kompositionen zurück, die er für genau diesen Zweck anfertigte. Es ging im Unterricht ganz offensichtlich nicht nur um instrumentaltechnische Fertigkeiten, sondern auch um Musiktheorie, Generalbass, Tonsatz und erste Kompositionsversuche, also, wenn man will,a um einen ganzheitlichen Ansatz. Durch die zahlreichen kompositorischen Vorlagen des Vaters konnte sich auf diese Weise so etwas wie ein erkennbarer familiärer Ansatz bzgl. Melodiefindung und kompositorischem Satz entwickeln. Die im „Notenbüchlein für Nannerl“ enthaltenen Kompositionen sind handwerklich vollendet und musikalisch ansprechend, aber gar nicht unbedingt herausragend. So sind anders als bei anderen ähnlich angelegten Kollektionen, z.B. dem „Notenbüchlein für Anna-Magdalena Bach“, keine der darin enthaltenen Stücke zu Klassikern des Instrumentalunterrichts geworden. Man könnte nun mutmaßen, dass eventuell genau diese Durchschnittlichkeit des Materials den jungen Mozart dazu animierte eigene kreative Wege zu beschreiten. Hätte er, wenn ihm – wie heute üblich – herausragende Kompositionen von Meistern aller Epochen vorgelegt worden wären, ebenfalls angefangen inspiriert zu komponieren? Wir wissen es nicht. Aber vermutlich bringt es für die Entwicklung eigener Ideen auch Probleme mit sich, wenn man von Anfang an mit hochwertigen und anspruchsvollen Werken fremder Komponisten aller bekannten Zeitalter beschäftigt wird. Der vermutlich unbewusst persönliche Ansatz des Vaters Leopold (mangels Alternativen) erscheint vor diesem Hintergrund zumindest bemerkenswert.

Im zweiten Teil der Ausgabe geht es weniger um pädagogische Betrachtung. Man kann anhand der ersten Kompositionsnotizen jedoch quasi mitlesen, wie sich die Fähigkeiten des Kindes Wolfgang Amadeus entwickeln, wie erstaunlich kreativ und gewitzt er bereits in sehr jungen Jahren ist (einige Stückchen aus dem Nannerlbuch wurden vom Vater notiert als der Sohn nicht mal schreiben konnte, später schreibt er selbst mit Bleistift). Es ist atemberaubend wie früh und klar anhand dieser Manuskripte bereits zu erkennen ist, dass es sich hier um eine außergewöhnliche Begabung handelt. Noch deutlicher muss es für den musikpädagogisch erfahrenen Vater gewesen sein. Er tat nun das, was naheliegend gewesen ist: Er förderte dieses Talent, das sich schon bald als Genie erweisen sollte. Auch wenn man ihm bei einer kritischen Lesart vorhalten kann, dass er seinen hochbegabten Sohn als Wunderkind in halb Europa vermarktet hat, so kann man anderseits erkennen, dass er die musisch-kreative Seite seines Sohnes sehr aufmerksam und sensibel gefördert und dessen Entwicklung kompetent begleitet hat. Er hat dies als höhere Pflicht und persönliches Privileg empfunden.

Das „Londoner Skizzenbuch“ war „nicht nur persönliches Eigentum des Achtjährigen, sondern stellte auch, einem Tagebuch vergleichbar, seinen privatesten Besitz dar, den die anderen, also der Vater und die Schwester, streng respektierten.“ (Wolfgang Plath im Vorwort). Betrachten wir diese Aufzeichnungen 250 Jahre später erhalten wir einen intimen Einblick in musikalisches und kompositorisches Erwachen und Entwicklung eines Jahrhundertgenies. Die Stückchen erstrecken sich zumeist über 1-2 Buchseiten und schließen inhaltlich nahtlos an die ersten Ideen im hinteren Teil des Nannerl Büchleins an. Die Kompositionen haben noch kindliche Elemente, wirken aber frisch und sind handwerklich ausgereift. Es war absehbar, dass sich hieraus Größeres ergeben wird.

Als historisches, musikpädagogisches Dokument stellen die beiden zusammengefassten Manuskripte einen unermesslichen Wert dar. Musikpädagogen, die sich der klassisch-romantischen Tradition verbunden fühlen, sollten zumindest einmal einen Blick reingeworfen haben. Heutzutage muss man die Stücke nicht mehr selbst spielen, um sie kennenzulernen, es gibt Gesamteinspielungen z.B. „Nannerl Notenbuch“ von Alessandro Delijavan oder „London Sketchbook“ von Hans-Udo Kreuels, da kann man mitlesen und das Ganze auf sich wirken lassen. Eine Erkenntnis daraus könnte sein, dass persönliche Hingabe, handwerkliche Fertigkeit und pädagogisches Geschick Kernpunkte eines erfüllenden Instrumentalunterrichts sein sollten. Stilvielfalt, Virtuosität, Repertoirekenntnis spielen zu Beginn einer Ausbildung vielleicht eine geringere Rolle als man heutzutage gemeinhin annimmt.

Das Heft umfasst ein ausführliches Vorwort des Herausgebers in zwei Sprachen (dt, engl), einige Faksimiles, die akkurat und nach höchsten Ansprüchen transkribierten Notenbücher und einen knappen kritischen Kommentar. Drucktechnische Aufbereitung und Papierqualität ist – wie immer bei Urtextausgaben – hervorragend und tadellos. Das Notenheft umfasst 172 Seiten, erscheint bei Bärenreiter und kostet 25,95 €.

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