OP: Nullpunkt (KW48/2018)

Am letzten Freitag wurde im Zuge einer OP mein gerissenes Kreuzband im rechten Knie mit einer körpereigenen Sehne ersetzt. Um 7.30 musste ich nüchtern und mit gepackten Sachen in der Klinik sein, ca. 3h später wurde ich endlich zur OP fertig gemacht, d.h. alle Kleidung ausziehen, dünnes Leibchen (hinten offen), Trombosestrümpfe und Kopfhaube, Rasur der OP-relevanten Körperstelle, man steht schon ziemlich nackt da, auf reine Körperlichkeit reduziert. Bei jedem Arbeitsschritt wurde ich von jedem, wirklich jedem Mitarbeiter gefragt um welches Knie (rechts oder links?) es sich denn handele. Einerseits beunruhigend („Sie wissen ja nicht, was hier alles schon passiert ist!“), andererseits genau aus demselben Grund auch beruhigend (Stichwort: aus Fehlern lernen). Ich war relativ entspannt, hatte doch der Arzt, der mich tags zuvor untersucht und aufgeklärt hatte mit schwarzem Edding dick „OP“ und einen Pfeil nach unten auf meinen rechten Oberschenkel gekritzelt. Das hatte ich daheim nicht abgewaschen, sondern schön stehen lassen, so sollten Verwechslungen eigentlich ausgeschlossen sein, dachte ich mir.

Ich wurde in einem Bett in den Vor-OP-Raum geschoben und auf eine andere Unterlage gehoben, dort machte ich Bekanntschaft mit meinem Narkosearzt („Hallo!“), der dann aber weg musste und ein anderer übernahm („Hallo!“). Kurz stellte sich auch noch der Operateur vor („Hallo, ich werde sie gleich operieren.“). Dann Atemmaske und Tschüss.

Ich erwachte in einem Viermannzimmer auf Station Heine, die, wie ich später herausfand, keinesfalls dem deutschen Dichter Heinrich Heine (1797-1856) gewidmet ist, sondern dem mir bis dahin völlig unbekannten Würzburger Orthopädiemechaniker Johann Georg Heine (1771-1838), der unter anderem als Messerschmied und Instrumentenmacher eine bemerkenswerte Karriere machte.

Das Krankenzimmer war ausgelastet, einmal Schulter, dreimal Knie, drei Männer, ein tapferer Junge. Ich war einigermaßen benommen, spürte keinen Schmerz und dämmerte dumpf vor mich hin. Noch am später Nachmittag wurde „die Schulter“ entlassen, Abendessen nahm ich wortlos liegend ein, war hungrig, hatte ja seit dem Abend zuvor nicht mehr gegessen oder getrunken. Nacht war unruhig, der Nachbar schnarchte, ich nach Aussage von diesem angeblich auch, was natürlich jeder Grundlage entbehrt. Wir einigten uns darauf, dass wir beide Seitenschläfer sind und deswegen für etwaige Nebenwirkungen bei erzwungener Rückenlage (Knie hochstellen) nicht verantwortlich zu machen sind.

Am nächsten Tag nach dem Frühstück tauschte ich mich mit den Zimmergenossen aus, der Junge war zur OP extra mit seiner Mutter aus einem anderen Bundesland angereist, weil das Würzburger KLH anscheinend einen so hervorragenden Ruf hat, das freute mich für ihn (und mich). Während alle anderen, vor allem die Krankenschwestern, mich mit „Herr Doktor“ ansprachen (steht so auf meiner Krankenkassenkarte und somit auf allen meiner schriftlichen Unterlagen) und auch nach mehrfacher Aufforderung das zu unterlassen fröhlich damit weitermachten, duzte mich der Herr Nachbar sympathischerweise von Anfang an und unterhielt sich mit mir in einem für mich gerade noch zu entziffernden Dialekt (Richtung Ebrach). Irgendwann fragte ich ihn, was er so machte, Antwort: „Straßenbau“, war irgendwie klar, ne.

Alle saßen am Samstag wie auf Kohlen, wollten schnellstens untersucht und gecheckt werden („Wann kommt die Visite?“), wollten einfach nur nachhause. Es wurde dabei mit allen gerade noch lauteren Mitteln gekämpft (Bitten, Drohen, Weinen, „Wunde blutet nicht mehr!“, „Bin absolut schmerzfrei!“, „Essen ist schon abbestellt!“ „Abholung bereits unterwegs!“). Am späten Abend waren alle glücklich und weg und ich allein im Viermannzimmer, Neuzugänge waren am Wochenende nicht zu erwarten. Die erste Stunde war die plötzliche Ruhe angenehm, dann wurde es auch schon langweilig. Es kommt wirklich nur jemand zum Essenbringen vorbei, zum Schichtwechsel oder wenn man klingelt. Ich lag stundenlang, am Ende gefühlt tagelang alleine im Zimmer. Essen im Bett liegend, erst am Ende im Bett sitzend, einmal am Tag Toilette, Zähneputzen im Bett. Zweimal hat der operierende Arzt vorbeigeschaut und mir alle meine Fragen beantwortet, das war nett und für mich eine willkommene Abwechslung. Anfangs konnte ich wegen den Nachwirkungen der Narkose, dann wegen der Schmerzmittel und dem langen Rumliegen nicht länger lesen. Fernseher und Telefon habe ich nicht bestellt, Handy besitze ich keines, ich nutzte den iPad und offenes WLan, wurde aber auch irgendwann langweilig. Die gesammelten SZs der letzten Woche waren bald durchgeblättert und quergelesen, ausgeholfen haben die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender. Filmhighlights im Rahmen des Publikumspreises von 3Sat: „Die Notlüge“, „Südstadt“ und „Fremder Feind“, unbedingt sehenswert.

Am Montag, am dritten Tag nach der OP, wurden morgens die Drainagen gezogen (Aua) und ein neuer Verband aufgelegt, dann warten, dann Physio, dann warten, dann Röntgen, alles okay, dann warten, dann nochmal Physio, dann Entlassung. Um 15.00 kam eine skurrile Prozession durch die Station gezogen, angeführt vom Oberarzt Prof. Dr. med, dahinter zwei weitere Ärzte, zwei Krankenschwestern und zwei Auszubildende, der komplette Anhang  auffällig leise und devot. Mein frisch gemachter Verband wurde auf die Schnelle wieder aufgeschnitten, die Wunde vom Oberarzt, der mich nie zuvor gesehen hatte, kurz begutachtet, danke, bitte, auf Wiedersehen, schon waren alle Personen wieder aus meinem Zimmer, Tür zu und ich saß da mit meinem aufgeschnittenen Verband. Ca. 15 Min später war die Performance anscheinend zu Ende und eine Krankenschwester kam im Normalmodus wieder in mein Zimmer, verband mich neu und überreichte mir die Entlassungspapiere. Kurz danach wurde ich abgeholt und war am Abend wieder daheim bei meiner Familie. Die erste Nacht habe ich im eigenen Bett ganz wunderbar tief und ohne Unterbrechung geschlafen.

Jetzt erstmal ruhig machen. Arztbesuche für Verbandswechsel und Papierkram (Rezepte, Krankschreibung etc.) und Physiotherapie sind vereinbart. Ich werde noch sechs Wochen mit Schiene und Krücken laufen müssen und darf in der Zeit mein rechtes Bein nur mit 20% belasten. Nervt, aber muss!

7 Gedanken zu “OP: Nullpunkt (KW48/2018)

  1. Hallo Dennis. Schön dass du wieder daheim bist, und den Krankenhausterror hinter dir hast!
    Als ich das jetzt gelesen habe, musste ich schon ein bisserl schmunzeln. Hat mich ein bisserl an „Brösel“ erinnert :-)
    Ich habe damals mit meinem Knie ähnliches erlebt. Jaja die Halbgötter in weiß.
    Die Hauptsache ist du bist wieder daheim, und kommst bald wieder auf die Füße. Schone dich.

    Cu. Robbie

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