Buch: „Ein feiner Typ“ von Willy Vlautin

Willy Vlautin ist US-amerikanischer Schriftsteller, Songschreiber und Countrysänger. Im Jahr 2006 legte er mit „The Motel Life“ sein Romandebut vor, das anschließend verfilmt wurde. Es folgten weitere Romane, u.a. „The Free“ (2014). Zuletzt hat er mit „Don’t skip out on me“ (2018) seinen fünften Roman vorgelegt. Im Frühjahr 2019 erschien unter dem Titel „Ein feiner Typ“ die deutsche Übersetzung (Nikolaus Hansen) im Berlin Verlag.

Das alte Ehepaar Reese lebt auf einer Ranch im ländlichen Hinterland Nevadas. Sie haben Hunde, Esel und Pferde und betreiben Schafzucht auf Weiden in den abgelegenen Bergen. Die eigenen Töchter sind längst aus- und weit weggezogen, die harte, körperliche Arbeit auf dem Hof wird im Alter immer beschwerlicher und sie können jede Hilfe gebrauchen. Da stößt der jugendliche Halbindianer Horace zu ihnen, verdingt sich als helfende Hand, wird herzlich aufgenommen, macht sich auf unaufdringliche Art unentbehrlich und wird bald wie ein eigener Sohn von dem Ehepaar behandelt. Er soll eines Tages den Hof übernehmen, das ist der Wunsch der Reeses, insbesondere des Mannes. Aber Horace hat andere Pläne, er will raus in die Welt und es als Boxer zum Champion bringen. Also zieht er in die große Stadt, gibt sich als Mexikaner aus, verdingt sich als Reifenmonteur, lernt Spanisch, trainiert selbständig und unter der Anleitung eines versoffenen Ex-Boxers. Bald absolviert er erste Kämpfe, lernt seine Stärken, aber noch besser seine Schwächen kennen. Er leidet unter der Einsamkeit, noch mehr jedoch daran, dass er langsam erkennt, dass er sein selbstgesetztes Ziel wohl nicht erreichen wird. Die Reeses versuchen Kontakt zu halten, alle Türen zurück stehen ihm offen. Horace will aber nicht als Verlierer und Versager zurückkehren und so spitzen sich die Ereignisse langsam zu.

Es dauert diesmal eine Weile bis der Roman in die Gänge kommt. Zunächst werden die Verhältnisse der Familien beleuchtet. Zentral sind dabei Mr. Reese und Horace, deren Entwicklungen bald getrennt voneinander erzählt werden. Jeder ist auf seine Art einsam. Reese sieht seine Lebenskraft dahinschwinden und hat keinen Erben für den Hof, sein Lebenswerk. Horace will seine eigene Existenz begreifen und ist in der Stadt auf der Suche nach Anerkennung, die er daheim von Reese eigentlich längst erhalten hatte.

Vlautin, der selbst in Nevada aufgewachsen ist, beschreibt minutiös und auf hohem erzählerischen Niveau, die Geschehnisse und Umstände seiner Geschichte. Es erscheinen interessante Nebenfiguren und es entstehen interessante Dialoge. Die Nebenfiguren sind nicht sehr stark gezeichnet, alles kapriziert sich auf die (Groß-)Vater-Sohn-Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren.

Fazit: Vlautin spielt routiniert seine schriftstellerische Stärke aus. Ein Roman wie ein guter, zeitgemäßer Countrysong.

„Die Freien“ erscheint im Berlin Verlag, hat 334 Seiten und kostet gebunden 24 €.

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