Buch: „Vom Imperiengeschäft“ von Berthold Seliger

Berthold Seliger ist freier Autor und betreibt seit Jahrzehnten eine eigene Konzertagentur. Im Frühjahr 2013 legte er mit dem Buch „Das Geschäft mit der Musik: Ein Insiderbericht“ einen bestens informierten, aufklärenden und meinungsstarken Text vor, der ungewohnte Einblicke in die Mechanismen der modernen Musikwirtschaft gewährte. Zwei Jahre später folgte „I have a stream“ (2015) ein umfangreiches und wohlbegründetes Plädoyer für die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen, „gebührenfinanzierten Staatsfernsehens“ in ausladender Form. Mit seinem aktuellen dritten Buch fasst Seliger wiederum ein heißes Eisen an und persönlicher kann es für einen passionierten Konzertagenten wohl kaum mehr werden. In „Vom Imperiengeschäft“ (2019) geht es um das Geschäft mit (Popmusik-)Konzerten, Festivals und Soziales. Seliger berichtet darüber „wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören“. Wie immer sind seine Ausführungen weitreichend, nachvollziehbar belegt und zutiefst aufschlussreich, allerdings auch im besten Sinne parteiisch und tendenziös.

Diesmal geht es um mehr als Musikvertrieb und TV: Seliger spannt in dem 316-Seiten langen Buch einen weiten, inhaltlichen Bogen und bietet einen nie dagewesenen Einblick. Der Text beginnt mit einer Bestandsaufnahme und erklärt wie sich Konzerte aus Sicht von Ticketverkäufern, Konzertveranstaltern und Künstlern darstellen. Schnell wird klar, dass Festivals und Einzelkonzerte nationaler und internationaler Musiker und Bands längst zur Verhandlungsmasse global operierender Großkonzerne geworden sind. Da Tonträger, Downloads und Streams keine nennenswerten Erträge mehr abwerfen sind Konzerte und Merchandise, inkl. sog. 360°-Deals in den Mittelpunkt des Musikgeschäfts gerückt. Hauptverdiener sind dabei große Konzerne, die jedoch nie Aufbauarbeit geleistet haben oder irgendwelche Risiken eingehen. Ticketpreise unterliegen längst den Gesetzen der neo-liberalen Marktwirtschaft. Das wäre nicht weiter schlimm, gäbe es auf der anderen Seite nicht gravierende, negative Auswirkungen, denn Konzerte, deren Veranstaltungsorte und das sozio-kulturelle Umfeld verkommen auf diese Weise. Waren sie ehemals noch Kulturorte und Begegnungsstätten und regten an zu kulturellem und gesellschaftlichem Austausch, so sind es heute eiskalte, nach rein kommerziellen Vorgaben konstruierte Mehrzweckhallen ohne jeden sozialen Anspruch oder gesellschaftliche Bedeutung.

Seliger zeichnet im Folgenden eine historische Entwicklung des (Musik-)Festivals von Monterey Pop über Woodstock und viele weitere (auch europäische) bis zu Burning Man. Auffällig daran ist, dass sich die aufgeschlossene, multikulturelle Aufbruchsstimmung der Hippies alsbald wandelte. Die Professionalisierung von Organisation, Technik und nicht zuletzt Finanzierung setzte gesellschaftliche und kulturelle Impulse. Konzerte wurden zu Großveranstaltungen bei (im Rückblick) relativ moderaten Preisen. Kulturelle Teilhabe war erwünscht und möglich. Spätestens seit dem Niedergang der Tonträgerindustrie wurde das Konzert jedoch zentral in Hinblick auf die kommerzielle Verwertung von Musik und Musikern. Ticketpreise und Gebühren wurden exklusiver und teurer. Heutzutage werden für renommierte internationale Bands und Musiker Ticketpreise von 150 bis zu 1000 Euro aufgerufen (z.B. Soloperformance „Springsteen on Broadway“ ab 500 Dollar). Es handelt sich dabei um rein kommerzielle Veranstaltungen ohne jede kultur- oder gesellschaftspolitische Vision. Wer am meisten Geld hat, bekommt die besten Plätze, lebendige Nachbarschaften werden durch gesichtslose Nicht-Orte ersetzt, ganze Stadtviertel werden dieser Form der kommerziellen Ausbeutung geopfert. Der Prozess hat viel mit Gentrifizierung zu tun und wird von der Politik absurderweise oftmals aktiv gefördert. In Kalifornien sind diese Entwicklungen schon einige entscheidende Schritte weiter. Nachdem die normale Bevölkerung bereits nahezu aus der Stadt vertrieben wurde, werden um San Francisco von Apple, Google, Facebook & Co. aktuell neue Büroareale und digitalisierte Städtchen geplant und gebaut. Diese sind noch etwas mehr als die berüchtigten Gated Communities, sie sind komplett kontrollierte, totalitäre Minigesellschaften, ganz im Sinne einer neo-liberalen bzw. libertären Ideologie. Erste derartige Tendenzen sind inzwischen auch in deutschen Großstädten zu beobachten.

Die große Frage, bzw. die ganz einfache Antwort gibt Seliger leider nicht: Warum sind Menschen bereit 200, 400 oder gar 1000 Euro für eine einfache Eintrittskarte zu einem Konzert zu bezahlen. Liegt es nicht einfach in der Hand derer, die solche Entwicklungen direkt und indirekt finanzieren? Sie könnten doch auch für viel weniger Geld zu den Konzerten kleiner, lokaler Bands und Veranstalter in der Nachbarschaft gehen. Und daran schließen sich dann Fragen an wie: Warum hören die Menschen Formatradio? Warum sehen sie Privatfernsehen mit schlechtem Programm und nerviger Werbung? Warum kaufen und fahren die Leute so gerne SUV? Warum fliegen sie auf die andere Seite der Erde in den Urlaub um ‚all inklusive‘ an einem Strand zu liegen? Warum essen sie soviel Fleisch und so wenig, viel billigeres Gemüse? Es ist wirklich verflucht schwer darauf vernünftige Antworten zu finden. Jedenfalls sind es nicht nur die bösen Konzerne und die unfähigen Politiker, die alles falsch machen. Wir müssen uns als Konsumenten (und das ist jeder einzelne von uns) schon auch an die eigene Nase greifen. Diese naheliegende Erkenntnis kommt bei Seliger leider etwas zu kurz. Jede Gesellschaft kriegt am Ende eben die Kultur, die sie verdient.

Fazit: Seliger spannt in seinem neuesten Buch einen riesigen Bogen von den Bedingungen einer Konzertveranstaltung, über Komplettkommerzialisierung von Kunst und (Musik-) Kultur durch global operierende Großkonzerne mit rein pekuniärem Interesse, die jedweder kulturellen Idee zuwider laufen, bis zu neuesten städteplanerischen Entwicklungen, die sich nicht zuletzt in neuesten gesellschaftlichen und politischen Phänomenen wiederspiegeln. Mit seinen Beobachtungen und Warnungen ist der Autor sicherlich ein sturer Kämpfer für eine gute, gerechte Sache, aber was dieser Allmacht entgegenzustellen ist, bleibt unkonkret. Trotzdem für alle (musik-)kulturellen Dystopisten: Dicke Empfehlung, unbedingt lesen!

Die Aussage des Buches wird von einem lesenswerten Blog mit monatlichen Eintragungen flankiert, leider ist die Kommentarfunktion dauerhaft deaktiviert. Das Taschenbuch erscheint bei Tiamat und kostet 20 Euro.

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