Buch: „Trotz alledem“ von Hannes Wader

Der deutsche Liedermacher Hannes Wader startete seine Karriere Ende der 60er Jahre und wurde mit „Heute hier, morgen dort“ (1972) einem breiten Publikum bekannt. In den folgenden Jahrzehnten spielte er unzähliger Konzerte und veröffentlichte 35 Studio- und Live-Alben. 2018 beendetet er seine Musikerkarriere mit einer Abschlusstournee und dem Album „Macht’s gut“ (2018). Mit „Trotz alledem“ legt er nun eine umfangreiche Autobiographie vor, schaut auf sein Leben zurück.

Wie der Titel bereits andeutet, scheint Trotz die wesentliche Triebfeder des Liedermachers gewesen zu sein. Seine Kindheit in der Nachkriegszeit verbrachte er in bescheidenen Verhältnissen. Als Kind sang und dichtete er bereits, lernt Klarinette zu spielen und später das Mandolinen- und Gitarrenspiel. Er macht eine Lehre zum Dekorateur, spielt in Jazzkapellen, gerät in studentische Kreise, bewirbt sich an der Werkkunstschule in Bielefeld, wird angenommen und wechselt drei Semester später zur Akademie für Graphik in West-Berlin. Hier beginnt er ernsthaft Lieder zu schreiben und wird beim Festival Chanson Folklore International auf der legendären Burg Waldeck entdeckt. 1969 erscheint sein erstes Album, danach fast jedes Jahr ein weiteres.

Wader berichtet offen, teils sehr ausführlich aus seinem Leben. Er ist ein Einzelgänger, Außenseiter und Streuner. Viele seiner Begegnungen und Beziehung enden im Streit (Lehre, Studium, Musikproduzenten, Konzertveranstalter). Er ist starker Raucher, Trinker, hat über lange Zeit keinen festen Wohnsitz, kann nicht mit Geld umgehen, hat trotz immenser Einnahmen, hohe Schulden. Wader schwankt zwischen Nichtstun und manischen Arbeitsphasen. Ist ständig, teils vollkommen lustlos auf Konzerttour, lebt dann wieder wochen- und monatelang alleine und eigenbrödlerisch in seiner fast unmöbilierte Mühle in Norddeutschland. Anders als vielleicht zu erwarten ist er unpolitisch und an gesellschaftlichen Entwicklungen nicht sonderlich interessiert. Auch im Rückblick spielen Studentenunruhen, RAF, Ostpolitik, etc. kaum eine Rolle, obwohl er unfreiwillig sogar involviert war: 1971 überlässt er seine Wohnung einer flüchtigen Bekannten, bei der es sich um die RAF-Aktivistin Gudrun Ensslin handelt. Wader wird danach nach eigenen Angaben für viele Jahre überwacht, aus für ihn unverständlichen Gründen. 1977 tritt er in die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ein, spielt bei politischen Kundgebungen, hat aber selbst keine politische Botschaft. Man gewinnt den Eindruck: Hauptsache gegen irgendwas, aber für was? Man erfährt es nicht.

Nachdem sein Schaffensdrang bereits Mitte der 1970er merklich abklingt, erscheinen Alben mit Plattdeutschen Liedern, Volksliedern, Arbeiterliedern, Shanties. Gute persönliche Verhältnisse pflegt er immerhin zu Liedermacherkollegen. Es folgen gemeinsame Konzerte und Alben mit Reinhard Mey, Konstantin Wecker, Klaus Weiland und auch hin und wieder Alben mit eigenen Liedern, herausragende Lieder sind nicht darunter. Die Zeiten der egozentrischen Selbstbespiegelung ist bei der Liedermacherei anscheinend vorbei. Das inzwischen arrivierte, bürgerliche Stadttheaterpublikum bleibt ihm allerdings treu und verschafft ihm ein angenehmes Auskommen. In Feuilleton, Radio, gesellschaftlichem Diskurs spielt Wader seit Anfang der 1980er bereits keine Rolle mehr, einem mittelalten oder jungen Publikum ist er heute längst vollkommen unbekannt.

Nach Lektüre der Autobiographie drängt sich Eindruck auf, dass Waders Karriere komplett auf einem einzigen Song („Heute hier, …“) basiert. Sein Widerwille bzw. Unvermögen sich gesellschaftlichen Entwicklungen zu stellen zeigt sich auch auf verstörende Weise in seinen Texten und Melodien. Sie sind rückblickend aus dem Jahr 2019 besehen entweder belanglos, weil total selbstreferentiell oder kaum noch auszuhalten, weil furchtbar eindimensional und selbstgerecht („Langeweile“).

Richtig nervig wird es, wenn der Großverdiener und Salonkommunist von Geld und Kapital schreibt. Nach eigenen Angaben kann Wader nicht mit Geld umgehen und gibt dafür zahllose Beispiele. Er kann sich das freilich leisten, weil er über weite Strecken gut verdient hat. Aus dieser sehr speziellen Situation aber irgendwelche kapitalkritischen Theorien zu spinnen wirkt unangemessen und taktlos. Der Zusammenbruch des Ostblocks insbesondere der DDR bringt ihn da auch nicht unbedingt zu einer erwähnenswerten Einsicht. Er sieht immer nur sich, sich, sich.

Auch, dass er seine eigene Familie, Frau und Kinder fast vollständig außen vorlässt, liegt vermutlich nicht an erzählerischer Zurückhaltung. Vielmehr hat man hier ebenfalls den Eindruck, dass Geburt und Entwicklung der eigenen Kinder ihn nicht interessieren und auch nichts in ihm auslösen.

Insgesamt eine eigenwillige und abschreckende Lebensgeschichte. Der Stil ist zwar persönlich und wohl auch ehrlich, aber über weite Strecken humorlos und unempathisch. Wenn mal Gefühle aufflackern, dann sind das Unverständnis, Zorn, Wut und eben Trotz.

Fazit: Waders Autobiographie hätte ein interessanter, persönlich gefärbter Bericht zu bundesdeutscher, gesellschaftlicher Entwicklung von Nachkriegszeit über Wirtschaftswunder, deutschem Herbst, politischem Aufbruch, Mauerfall bis zur Berliner Republik werden können. Stattdessen ist es eine selbstzentrierte Ich-Erzählung geworden, die noch dazu ab den 1980er Jahren spürbar ausdünnt. Während der Kindheit fast die komplette erste Hälfte des Buches gewidmet ist, werden die letzten dreißig Lebensjahre auf wenigen Seiten zusammengefasst. Schade. „Trotz alledem“: Kann man mal lesen oder aber auch sein lassen.

Das gebundene Buch erscheint bei Penguin, hat 592 Seiten und kostet 28 Euro.

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