Buch: „Ein Coffee to go in Togo“ von Markus Maria Weber

Markus Maria Weber, Jahrgang 1981, ist Unternehmensberater und nimmt ein Wortspiel allzu wörtlich (to go / Togo). 2012 beschließt er mit dem Fahrrad in das westafrikanische Land Togo zu fahren um dort einen Kaffee to go zu trinken. Die Kaffeefahrt ist allerdings nur ein Vorwand. Tatsächlich ist der gerade mal 30-jährige ausgebrannt von seinem Job und genervt und gelangweilt von den damit verbundenen Routinen: Berufspendelei, Kollegen, Kundengespräche, Vorgehensschablonen, Ortswechsel. Die einzige Erleichterung bei diesen täglichen Deja-vus verschafft ihm der regelmäßige Coffee to go, aber woher kommt der eigentlich, na schauen wir mal, so in etwa wird im Buch die Idee zur Fahrradreise wenig tiefgründig hergeleitet.

Also los, er nimmt ein Sabbatjahr (lieber mal auf Nummer sicher gehen, kein Risiko) und obwohl ihm Freunde und Verwandte tunlichst davon abraten (na toll), geht’s zum Aufwärmen erstmal in die falsche Richtung nämlich nach Osteuropa. Weber radelt entlang des zugegebenermaßen etwas biederen Donauradwegs vom Allgäu bis ins Donaudelta. Allen Befürchtungen zum Trotz kommt er passabel durch, sammelt erste Erfahrungen, alles läuft gut. Von Moldau geht’s per Flieger nach Istanbul, von dort durch die Türkei nach Griechenland und von da nach Italien. Südeuropa, was soll da schon schief gehen? Die Erlebnisse die Weber ausführlichst verzeichnet hat vermutlich jeder Langstreckenradler, Autostopper oder Rucksacktourist in ähnlichen Varianten erlebt. So stehen sie auch in wirklich sämtlichen anderen Tourberichten, egal ob mit dem Fahrrad, zu Fuß oder sonstwie.

Es setzt über nach Italien, hier hat der Bericht eine unvermutete Lücke, die nicht erklärt wird, Frankreich überspringt er, weiter geht’s über entlang der Costa del Sol runter nach Gibraltar. Bis dahin hat der Text bereits die Hälfte der knapp 450 Seiten gefüllt, boah ey. Kurzfassen, sich auf das wesentliche konzentrieren und unwichtiges weglassen ist nicht unbedingt eine Stärke des Unternehmensberaters.

Mit der Fähre über die Meerenge und endlich Afrika. Wobei Marokko dann doch noch einigermaßen europäisch wirkt. Gute Infrastruktur, beste Nahrungsversorgung. Kritisch und erzählerisch endlich auch mal spannend wird es erst ab der Wegstrecke Westsahara, Mauretanien und folgende. Hier fährt er gemeinsam mit anderen Radreisenden als kleine Gruppe, muss Versorgungsengpässe, Visaschwierigkeiten und heftige Erkrankungen bewältigen. Nach 10.000 km Strecke wird einem der Consulter Krise um Krise immer sympathischer. Im Text nimmt er sich hier auch Zeit seine persönlichen Eindrücke mit der gesellschaftspolitischen Situation abzugleichen und so entstehen über diese abgelegenen und wenig erschlossenen Gebiete einige ausdrucksstarke, persönliche Aussagen, die zu den besten des Buches gehören.

Irgendwann kommt Weber nach dieser körperlich strapaziösen Reise tatsächlich in Togo an. Wie nach den Anreisestationen zu erwarten, begegnet ihm dort nichts Besonderes, sondern das normale Elend einer westafrikanischen Hauptstadt. Schlechte Straßen, irrer Verkehr, Lärm, Abgase, viel arme Menschen usw. Der langersehnte Kaffee wird ihm mit Milchpulver angerührt und to go in einem transparenten Plastikbeutel ausgehändigt. Sogar der Bohnenkaffee, den er in irgendeinem Laden findet und aus logistischen Gründen erst nach seiner Rückkehr zubereitet wird, ist von minderer Qualität und schmeckt nicht. Aber das war sicher nicht schlimm, sondern ist nur eine finale Randnotiz.

Webers Reisebericht ist sehr ausführlich, sein Stil wortgewandt, aber leider ziemlich humorlos. Es ist kein Zufall, dass er BWL studiert hat und Unternehmensberater wurde. Er kann vorausschauend planen, Situationen einschätzen und entsprechend handeln. Besondere Ideen, verrückte Erkenntnisse, irre Konsequenzen sucht man bei ihm vergebens. Nicht einmal das Motto seiner Reise hat er sich selbst ausgesucht. Kultur, Musik, Kulinarik spielen bei ihm eine untergeordnete Rolle. Kleidung ist zum Anziehen da, Sprache zur Verständigung. In vielen Stellen wirkt es als sei er selbst am meisten überrascht ist über seine Reiseunternehmung. Etwas zu oft bezeichnet er sich selbst als Abenteurer und freut sich über seinen länger werdenden Bart, so als habe er ihn sich vorher noch nie wachsen lassen.

Wieder daheim arbeitet er erstmal wieder bei derselben Firma, macht allen Ernstes denselben Job, der ihn so angeödet hat. Dann wechselt er zu einer anderen Beraterfirma und findet sein persönliches Glück schließlich in einer Beziehung und der Geburt eines gemeinsamen Kindes.
Eine zwingende Konsequenz hat seine Großunternehmung dann leider nicht. Im Buchdeckel steht ohne jede Ironie: „Das Manuskript zu seinem Erstlingswerk ist auf seinen Geschäftsreisen, in den Lounges der deutschen Bahn, in Flugzeugen und bei unzähligen Bechern Coffee to go entstanden.“ Also alles auf Anfang, alles wie gehabt, bloß nichts ändern. 14.000 km für nichts.

Das Buch erscheint bei Conbook, hat leider viel zu wenige Fotos und kostet 12,95 Euro.

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