Umsonst & Draussen? Bezahlt & Drinnen! (2019)

Zurzeit findet in Würzburg gerade das Umsonst & Draussen Festival auf den Talavera Mainwiesen statt. Ich habe dort innerhalb von zwölf Jahren acht Mal mit verschiedenen Bands gespielt und dabei zusammengenommen genau Null Euro Gage erhalten und das obwohl das Festival jedes Jahr eine mittlere sechsstellige Summe an Umsatz generiert. Meine Enttäuschung darüber war irgendwann so groß, dass ich dort im Jahr 2010 mein letztes Konzert absolvierte. Ich habe meine Kritik gegenüber den Veranstaltern formuliert und im weiteren Verlauf auch kleine Essays zum Thema auf diesem Blog veröffentlicht. Offiziell wurde nicht reagiert, aber kurze Zeit später wurden auf einmal Minigagen an die Musiker ausgezahlt, evtl. eine Reaktion auf meine Kritik. Ich bin seitdem nie wieder, auch nicht als Zuhörer, beim U&D gewesen, obwohl es nur 300m von meiner Wohnung stattfindet. Weiterlesen

Buch: „Vom Imperiengeschäft“ von Berthold Seliger

Berthold Seliger ist freier Autor und betreibt seit Jahrzehnten eine eigene Konzertagentur. Im Frühjahr 2013 legte er mit dem Buch „Das Geschäft mit der Musik: Ein Insiderbericht“ einen bestens informierten, aufklärenden und meinungsstarken Text vor, der ungewohnte Einblicke in die Mechanismen der modernen Musikwirtschaft gewährte. Zwei Jahre später folgte „I have a stream“ (2015) ein umfangreiches und wohlbegründetes Plädoyer für die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen, „gebührenfinanzierten Staatsfernsehens“ in ausladender Form. Mit seinem aktuellen dritten Buch fasst Seliger wiederum ein heißes Eisen an und persönlicher kann es für einen passionierten Konzertagenten wohl kaum mehr werden. In „Vom Imperiengeschäft“ (2019) geht es um das Geschäft mit (Popmusik-)Konzerten, Festivals und Soziales. Seliger berichtet darüber „wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören“. Wie immer sind seine Ausführungen weitreichend, nachvollziehbar belegt und zutiefst aufschlussreich, allerdings auch im besten Sinne parteiisch und tendenziös. Weiterlesen

Konzertfilm: Springsteen on Broadway (2018)

Von Oktober 2017 bis Dezember 2018 hat der US-amerikanische Rockmusiker Bruce Springsteen im Walter-Kerr-Theater in New York die Konzertshow „Springsteen on Broadway“ abgehalten. Es handelt sich dabei um eine abendliche „Ein-Mann-Show mit privaten Anekdoten aus seinem Leben und akustischen Versionen seiner bekanntesten Songs“ (Pressetext). Die Show war von Anfang an jedes Mal bis auf den letzten Platz ausverkauft, musste mehrfach verlängert werden und gewann schließlich einen speziellen Tony Award für die Bühnenperformance. Mitte Dezember 2018, pünktlich zum letzten Termin auf der Bühne, erschienen ein dazugehöriges Album und beim Streamingdienst Netflix ein exklusiver Konzertfilm der Performance. Weiterlesen

Foto: Impressionen vom 34. Jazzfestival Würzburg, Sa (2018)

Das Jazzfestival der Jazzinitiative Würzburg fand in diesem Jahr zum 34. Mal statt und war gleichzeitig das 3. Landesjazzfestival Bayern des bayerischen Jazzverbands. Am Samstag- und am Sonntagabend spielten ab 19.00 jeweils drei Bands hintereinander und es war einiges geboten. Samstags spannte sich der Bogen von klassizistisch (Tiktaalik), über traditionell (Lines for Ladies) bis technoid (Siffling/Flow). Am Sonntag von akademisch (Landesjazzensemble) über innovativ (Three Fall) bis mächtig (Jazzrausch).

Zusammengenommen ergab sich ein Spektrum von konservativ bis progressiv, wobei auffallend war, dass sich die musikstilistisch rückwärtsgewandten Ensembles (Tiktaalik, Landesensemble) überwiegend aus Bayern rekrutierten und die zeitgenössisch frischen (Three Fall!) aus nördlicheren Gefilden stammten. Ausgerechnet das stilgeschichtlich konservative Damenensemble Line for Ladies mit der fast 90-jährigen Sängerin Sheila Jordan hatte mit Abstand am meisten von der spontanen, humorvollen Energie, die einst mit dem Jazz verbunden wurde. Mithalten konnte auch noch Three Fall mit der charismatischen, afrikanisch-stämmigen Sängerin Melane. Die anderen, rein männlich besetzten Ensembles wirkten dagegen mitunter hüftsteif und unbeweglich, zwar instrumentaltechnisch versiert und hochvirtuos, aber eben wenig spielerisch, stattdessen bierernst, vorhersagbar, wenig innovativ, fast schon retromanisch. Sie operierten ohne Not wie unter Laborbedingungen, es fehlten nur noch die weißen Kittel, so als ob Jazz eine museale Musikform sei, die auf keinen Fall modernisiert werden dürfe.

Frische Jazzmusik und anregende Sounds verbreiteten nicht Studenten, Dozenten und Professoren (Tiktaalik, Landesjazzensemble), sondern eine quereingestiegene afrikanische Sängerin (Melane), manipulierte Bassklarinetten und Posaunen (Three Fall) und ein Ensemble um eine fast 90-jährige Amerikanerin (Line for Ladies). Das sollte den süddeutschen Jazzern zu denken geben.

Über geistige Deformation

„[…] Im vierten vorchristlichen Jahrhundert beschrieb Aristoteles eine Einstellung, die mehr als zwei Jahrtausende Bestand haben sollte, als er auf die strukturelle Unvereinbarkeit von Zufriedenheit und bezahlter Arbeit hinwies. Wer unter finanzieller Bedürftigkeit litt, stand für den griechischen Philosophen auf einer Stufe mit Sklaven und Tieren. So gewiss wie eine merkantile Gesinnung führte auch körperliche Arbeit zu geistiger Deformation. Nur ein Privatvermögen und ein Leben in Muße gestatteten es dem Bürger, die höheren Freuden der Musik und Philosophie in adäquater Weise genießen zu können.“

Buch: „Freuden und Mühen der Arbeit“ von Alain de Botton, Fischer, S. 110

Buch: „Vom Aufhören“ von Fredrik Sjöberg

Fredrik Sjöberghat hat Biologie und Geologie studiert, arbeitet aber inzwischen hauptsächlich als Übersetzer, freier Journalist und Schriftsteller. In Fachkreisen bekannt für seine Schwebfliegensammlung, beschäftigt er sich in seinen letzten Buchpublikationen mit dem Umgang mit exotischen Interessen und deren Auswirkungen auf individuelle Lebenswege. Nach „Der Rosinenkönig. Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen“ (2011) und „Die Kunst zu fliehen. Vom Nutzen des Scheiterns und dem Vergnügen der Abschweifung“ (2012) erscheint nun sein neustes Werk, das vorerst eine Trilogie vervollständigt: „Vom Aufhören. Über die Flüchtigkeit des Ruhms und den Umgang mit dem Scheitern“. Weiterlesen

Ich mache u.a., was ich immer tun wollte

Mit 16, 17 Jahren war mein Traum in einem Tonstudio eigene Aufnahmen machen zu können. Seitdem sind viele Jahre vergangen. Letzten Monat habe ich mit „Graduation“ & „Celebration“ der Musikstudenten mein 36. und 37. Album als Produzent und Musiker veröffentlicht, ich arbeite an meinem kommenden Soloalbum, nebenbei produziere ich Einzeltracks für regionale Künstler. Ich schreibe, arrangiere, singe und spiele verschiedene Instrumente ein und veröffentliche die Ergebnisse (zum Teil sind sie weltweit erhältlich). All das mache ich seit mehr als zehn Jahren in meinem eigenen Projektstudio in einem Zimmer meiner Wohnung. Ich kann loslegen, wann immer ich will, ich kann tun (und lassen), was immer ich will. So gesehen bin ich dem Traum meiner Jugend ziemlich nah gekommen, genaugenommen habe ich ihn sogar deutlich übertroffen. Hätte mir jemand vor drei Jahrzehnten gesagt, dass ich ca. 30 Einzelmusiktitel im Jahr produziere und 2-3 Alben veröffentliche, hätte ich das nicht geglaubt. Hätte man mir dann gesagt, dass man davon nicht im Ansatz seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, hätte ich ihn für verrückt erklärt, aber das nur nebenbei.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man sich erreichbare Ziele setzen soll und wenn die erreicht sind, kann man sich freuen und sich das nächste Ziel setzen. Das wäre eine gute Voraussetzung um voranzukommen und zufrieden zu sein. Ich mache u.a., was ich immer tun wollte. Das ist erstmal etwas Schönes. Vielleicht wäre jetzt die Zeit mir ein neues Ziel zu setzen. Da fällt mir ein, es gab auf dem langen Weg bereits andere Ziele, die ich verfolgt und zum Teil erreicht habe. Erreicht habe ich viele von den Zielen, deren Umsetzung ich alleine in der Hand hatte. Gescheitert bin ich meist dann, wenn ich von anderen abhängig war oder mich von anderen abhängig gemacht habe. So gesehen war es also ein entscheidender Schritt nicht mehr in Studios anderer zu gehen um Aufnahmen zu machen, sondern mich zu emanzipieren, Ausrüstung zu kaufen, Erfahrungen zu machen und selbständig zu produzieren.

Einziges Problem ist, dass die Ergebnisse, also die fertig produzierte Musik, immer weniger Menschen interessiert. Das liegt nicht an der minderen Qualität oder größeren Quantität, es liegt einfach daran, dass sich die Zeiten und damit Geschmack und Konsumgewohnheiten verändert haben. Man sollte das nicht persönlich nehmen. Einzig entscheidend ist die Frage, ob man das tut, was man für richtig hält, das, was man tun will. Und meine Antwort darauf ist: Ja, das tue ich, nicht ausschließlich, aber u.a.

Simon-Philipp Vogel über „Graduation“ & „Celebration“

Seit 2013 betreibt der Würzburger Liedermacher Simon-Philipp Vogel einen eigenen Blog. Dem hat er gerade ein neues Layout verpasst, zusätzlich zu den Textbeiträgen werden in Zukunft auch regelmäßig selbstproduzierte Podcasts veröffentlicht. Zum konzeptuellen Neustart wurde u.a. eine Kurzkritik zum Doppelrelease der Würzburger Tanz- & Cocktailband Musikstudenten verfasst:

„Zwanzig Jahre haben die ‚Musikstudenten‘ nun schon auf dem Buckel und man könnte augenzwinkernd sagen, dass die Musiker nach vierzig Semstern nun endlich mal den Abschluss erreicht haben sollten. Dass die ewigen Studenten jedoch längst den Lehrlingsschuhen entwachsen sind, haben Sie nun wieder unter Beweis gestellt. Dem Bandjubiläum folgend wurde daher nicht gekleckert, sondern gleich geklotzt. Ein Doppelalbum sollte es sein, das zuerst den fiktiven Abschluss vorgibt (Graduation) um dann die Feierlichkeiten einzuläuten (Celebration).
Die Männer um Frontmann Dennis Schütze spielen dabei in alter Studentenmanier wieder Klassiker, Evergreens und aktuelle Hits in der gewohnten Besetzung (Gitarre, Schlagzeug, Kontrabass und Blasinstrumente) ein. Dabei geht einem das altbekannte “What a wonderful World” genauso gut ins Ohr, wie Ed Sheerans aktueller Hit “Shape of you”. Persönlich treffen die aktuellen Hits meinen Geschmack sogar mehr, da es den allzeit Akademikern wunderbar gelingt den Radiopop der heutigen Zeit in die klassische Besetzung zu übertragen. Das wirkt geradezu neu und man entdeckt die beinahe totgespielten Lieder wieder. “Every day discovering something brand new”, wie es Ed Sheeran formulieren würde.
Ganz besonders in mein Herz gespielt haben sich dann noch “Hungry Heart” von Bruce Springsteen und “Summer in the City” von The Lovin‘ Spoonful. Die beiden Nummern gehen den Studenten so leicht von der Hand, dass es eine wahre Freude ist.“

Simon-Philipp Vogel