Buch: „Die grosse Aufstiegslüge“ von Suat Yilmaz

Suat Yilmaz ist türkischstämmiger Deutscher der zweiten Generation. Er wurde 1978 in der Türkei geboren, nach der Auswanderung seiner Familie nach Deutschland wuchs er im Ruhrgebiet auf, machte Abitur und studierte, nach einem kleinen akademischen Umweg, Sozialwissenschaft. Heute arbeitet er als Talentscout für die Westfälische Hochschule und unterstützt benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene in Schule und Studium. Durch seine persönliche Herkunft und berufliche Tätigkeit hat Yilmaz einen besonderen Einblick in viele Einzelschicksale. Die Erfahrungen seines eigenen Lebenslaufs und viele seiner Beobachtungen hat er nun in dem Buch „Die grosse Aufstiegslüge“ zusammengefasst.

Das Thema Bildungsgerechtigkeit liegt spätestens seit der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 offen auf dem Tisch und die problematische Situation wurde seit dem alle drei Jahre (2003, 2006, 2009, 2012) mehr oder weniger bestätigt. Insbesondere bei der sozialen Durchlässigkeit ist Deutschland dauerhaft Schlusslicht im internationalen Vergleich. Das heißt, dass es hierzulande statistisch gesehen sehr unwahrscheinlich ist, dass ein Kind im Laufe seiner Bildungskarriere aus seinen sozio-ökonmischen Verhältnissen ausbricht und das gilt in beide Richtungen. Akademikerkinder werden selbst Akademiker, Arbeiterkinder bleiben Arbeiterkinder, Kinder von Sozialhilfeempfängern dito, ihre individuelle Begabungen, Interessen, Fähigkeiten und Leistungsbereitschaft spielen in unserem deutschen Bildungs- und Bildungsbewertungssystem dagegen kaum eine Rolle.

Der provokante Titel des Buches von Yilmaz ist ungünstig gewählt, denn er führt in die Irre. In einer gerechten Gesellschaft gibt es selbstverständlich keine Aufstiegsgarantie und es bleibt auch unklar wer darüber gelogen haben soll. Auch werden die Kinder nicht, wie im Untertitel formuliert, „um ihre Zukunft betrogen“, sondern viel mehr ihre Potentiale nicht gefördert und ihre Entwicklungsmöglichkeiten ausgebremst.

Yilmaz hat schon Recht, wenn er die altbekannten Argumente vorzieht und aus seiner persönlichen Erfahrungsebene heraus betrachtet. Als Talentscout einer Hochschule steht er an vorderster Front und verfügt über erstaunlich detaillierte Einblicke in die Lebensumstände seiner Schützlinge. Man spürt, wie sehr er mit dem Herzen dabei ist und für die gute Sache kämpft. Er kann auch auf etliche kleine Erfolge verweisen, Begegnungen bei denen seine Unterstützung Einzelschicksale deutlich zum Positiven beeinflusst hat.

Sein Blickwinkel bleibt dabei fast ausnahmslos der des Migrantenkindes. Ethnische Herkunft spielt bei seinem Verständnis von Bildungsbenachteiligung eine herausragende Rolle. So wird in jedem seiner Beispiele genau benannt, ob es sich um ein Zuwandererkind oder einen sog. „Herkunftsdeutschen“ handelt, obwohl er doch angeblich genau diese Kategorisierung aufheben will. Dass auch andere Faktoren wie Bildungsniveau, Einkommen, Wohnort, Gesundheit, Familienstand der Eltern fulminanten Einfluss haben, ist ihm selbstverständlich bewusst, fällt in den angeführten Beispielen aber immer mal wieder unter den Tisch.

Yilmaz Argumentation ist richtig und plausibel, aber leider nicht neues, die Situation dürfte jedem einigermaßen interessierten Beobachter bestens bekannt sei. Seine vielen Beispiele machen das zwar anschaulicher und nachvollziehbarer als die oft zitierten Tabellen und Tortendiagramme der oben genannten Bildungsstudie, aber so wirklich weiter helfen tut das auch nicht. Yilmaz zitiert wiederholt das deutsche Grundgesetzt, engagiert sich persönlich und beruflich, fordert persönliches, nachbarschaftliches und ehrenamtliches Engagement von anderen und damit liegt es sicher nicht falsch. Allerdings wirken seine gebetsmühlenartigen Appelle auf Dauer etwas ermüdend, denn die Grundaussage seines Textes hat man als Leser eigentlich schon nach dem Vorwort begriffen.

Erstaunlich ist dagegen, dass der Autor keine einzige Bildungsstudie näher betrachtet und/oder erläutert und auch die staatlichen Organe nicht konkret in die Pflicht nimmt. Im kompletten Buch wird z.B. nicht mal am Rande erwähnt, dass Bildung in Deutschland Ländersache ist und somit die Berliner Parlamentarier nicht allzuviel Handhabe haben. Über das Buch hinweg finden sich immer wieder Listen mit stichpunktartigen Forderungen. Alles richtig und aller Ehren wert, leider sind die Einzelpunkte sehr allgemein und unverbindlich formuliert. Ein gemeinsamer Nenner, auf den sich höchstwahrscheinlich alle einigen könnten ohne wirkliche Konsequenzen daraus ziehen zu müssen. Da hätte man sich von einem erfahrenen und engagierten Sozialwissenschaftler dann vielleicht doch etwas mehr konkrete politische, vielleicht auch juristische Maßnahmen gewünscht. Persönliches Engagement schön und gut, aber das sagt sich natürlich leicht für einen Talentscout, der hauptberuflich gut für das Fördern von Schülern und Studenten bezahlt wird. Die meisten Eltern dürften vollauf damit beschäftigt sein, die eigenen Kinder halbwegs unbeschadet durch den Irrsinn des deutschen Bildungssytems zu lotsen. Denen nun auch noch die Fürsorge für benachteiligte Nachbarskinder aufzuerlegen kann sicher nicht die Lösung sein. Selbstverständlich wäre entsprechende Veränderungen vorzunehmen die ureigenste Aufgabe von Bildungspolitikern der deutschen Bundesländer, insbesondere der Kultusminister. Wer sonst könnte richtungweisende und verbindliche Schritte vornehmen? Das gerät bei Yilmazs Betrachtung leider total aus dem Fokus und ist daher auch eine wirkliche Schwäche der Argumentation.

Abgesehen davon liegt er mit der grundsätzlichen Einschätzung der augenblicklichen Situation sicher richtig. Auch weist er immer wieder darauf hin, dass unserere Gesellschaft angesichts der erhöhten Zahl von asylberechtigten Zuwanderern aus z.B Syrien einer neuen bildungspolitischen Herausforderung gerecht werden muss, wenn man kulturelle Spannungen bereits im Ansatz entschärfen will.

Fazit: „Die grosse Aufstiegslüge“ beschreibt die deutsche Bildungsungerechtigkeit aus der persönlichen Sicht eines türkischstämmigen Talentscouts. Die Erzählperspektive ist authentisch, das Grundproblem allerdings bereits längst bekannt. Neue Lösungswege werden leider nicht aufgezeigt.

Das gebundene Buch erscheint bei Eichborn und kostet 20 Euro.

6 Gedanken zu “Buch: „Die grosse Aufstiegslüge“ von Suat Yilmaz

  1. Spannend.
    Es bleibt: Man muß sich selbst bemühen, wenn nötig mit mehr Einsatz als gewöhnlich üblich.
    Von daher ist jeder seines Glückes Schmied – auch wenn er im Vergleich eine deutlich härtere Aufgabe hat.

    • @Gerhard: Ja, jeder Einzelne muss seinen Beitrag leisten, aber die persönlichen Voraussetzungen und äußeren Bedingungen sind extrem verschieden und somit ungerecht verteilt. Kinder, die keine Unterstützung von Eltern oder Umfeld erfahren, haben so gut wie keine Chance. Das ist keine persönliche Einschätzung, das haben diverse Studien bestätigt. Ist schon mit Unterstützung nicht leicht, da weiß ich als Vater von vier Kindern wirklich wovon ich rede.

      Jeder ist seiner Glückes Schmied? Das stimmt nur für die, die zufällig in gute Verhältnissee geboren wurden. Die anderen brauchen Unterstützung oder willst du Kinder für die Unfähigkeit ihrer Eltern bestrafen? Und diese Unterstützung zu gewährleisten ist eine gesellschaftliche Aufgabe, insbesondere die des Bildungssystems und seiner Vertreter. Yilmaz weist in diesem Zusammenhang ganz nüchtern auf das (Menschen-)Recht auf Bildung (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte Art. 26), ich ergänze noch die Kinderrechtskonvention (Art. 28) und die Genfer Flüchtlingkonvention (Art. 22). Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Recht_auf_Bildung

      In Deutschland gibt es ja die absurde Situation, dass angebliche Bildungseliten unverhältnismäßig durch Steuergelder gefördert werden und gleichzeitig benachteiligte Kinder und Jugendliche (oft mit Migrationshintergrund) systematisch übergangen werden. Das ist angesichts der gesellschaftlichen Situation in der wir uns befinden (und da denke ich nicht nur an die Flüchtlingskrise) wirklich komplett geisteskrank und in keinster Weise nachvollziehbar.

      Erst kürzlich hat mein Sohn ein Jahr eine Würzburger Realschule besucht, inzwischen ist er auf einem musischen Gymnasium. Über die Erlebnisse dieses Jahres könnte ich ein Buch schreiben, es war unfassbar und entsetzlich. Reine Jungsklasse mit über 30 Kindern inkl. zwei ADHS-Inklusionskindern, ständig entfiel Unterricht (einmal 5 von 6h), die Lehrer wie ausgebrannte Zombies, spielten während des Unterricht auf ihren Smartphones (ja, die Lehrer!), verloren regelmäßig die Fassung, wirkten überfordert, beleidigten ohne jede Konsequenz Schüler, stellten sie vor der Klasse bloß etc. pp. Beim Gespräch mit der Schulleitung wurde gnadenlos gemauert. Für uns gab es nur die Möglichkeit die Schulart so schnell wie möglich zu wechseln, hat mit massiver elterlicher Unterstützung zum Glück funktioniert. Möchte gar nicht wissen wie es in der Hauptschule (neuerdings: Mittelschule) zugeht. Bestimmt nicht besser. Es besteht also dringender Handlungsbedarf.

  2. ..also ich hab da etwas erfahrung vom unteren rand des soziokulturellen umfeldes; und wenn ich sehe wieviel teilweise in schule und nachmittags von der jugendhilfe in die kinder gescheiterter eltern gesteckt wird und was dabei heraus kommt – nämlich nichts im sinne einer positiven änderung – so meine zweifel, dass das umfeld da viel anrichten kann; denn in vielen fällen tut der staat dann das einzig mögliche und richtige, nämlich die kinder aus diesen familien zu nehmen und sie in pflegefamilien zu geben; (das geld für soziale teilhabe geht an die eltern und kommt nicht bei den kindern an, da es für kippen und alk draufgeht, habe selbst einen schüler, der sich deshalb die turnschuhe mit seinem bruder teilen muss) das passiert jedoch meines erachtens auch aus offensichtlichem sparzwang/geldmangel im sozialen leider zu selten. das mag vielleicht hart klingen, aber wenn ich die karrieren dieser kinder ansehe deren kinder ich mittlerweile auch wieder bei mir sehe doch wohl die einzige möglichkeit. ergo DU KANSST EINE INTAKTE FAMILIE NICHT DURCH UMFELD ERSETZEN und chancengleichheit erreichen punkt
    wenn wir die nicht ganz abgestürzten betrachten dann sieht die sache etwas anders aus – nur ein beispiel zurückgehende vereinstätigkeit aufgrund geringerer statlicher förderung bspw. aber auch da ist die möglichkeit nicht das einzige, da es noch viele andere ursachen wie z.B. neue medien und der umgang damit (auch in itakten familien) gibt, ein endloses thema……zum schreien und davonlaufen; da könnte ich mich stundenlang drüber aufregen, was bei uns thematisch ain der öffentlichkeit so als problem dargestellt wird, um von den wirklich brennenden abzulenken….

    • Das könntest Du noch etwas deutlicher und klarer thematisieren.
      Wäre spannend.
      Vereine: Bin erst kürzlich einem beigetreten, eben um auch das Vereinswesen damit zu „ehren“. Es ist uns definitiv was dabei verloren gegangen.

      • @Bernhard: Mir ist schon klar, dass man eine intakte Familie nicht ersetzen kann. Aber: Sollte man den betroffenen Kindern nicht genau deswegen die bestmögliche Unterstützung bieten? Mal abgesehen vom menschlich/moralischen Standpunkt, wird da systematisch eine gesellschaftliche Unterklasse quasi gezüchtet, die noch größte Probleme verursachen kann oder bereits verursacht (siehe AfD, extremistische Tendenzen, religiöse Radikalisierung, erhöhte Gewaltbereitschaft, keine gesellschaftspolitische Teilhabe, kein Interesse an Rechtstaatlichkeit und Demokratie, Politikverdruss, Anti-Intellektualismus, schlechte Ernährung, Übergewicht, hohes Krankheitsrisiko, etc.)

        Was wäre aus deiner Sicht als Lehrer ein praktikabler Ansatz dem entgegenzuwirken?

  3. ..gute Frage puhh, gerade wenn ich sehe wie wenig bis gar nichts mit riesigem einsatz zu erreichen ist hab ich echt keine idee für die fälle mit nicht intakten familien; das hauptproblem ist der grobe pfusch im ganzen schul- und kinderbetreuungssystem wie unausgegorene ganztagesschulprojekte (z.B nachmittagsbetreuung mit wenig qualifizierten betreuern, fehlende bauliche einrichtungen usw) hängt wie immer am geld; gerade im bereich der kleinen menschen wird bei der bildung- will sagen der bezahlung von frühpädagogen ja echtes lohndumping betrieben. das wär mal ein ansatz, aber die bauen ja keine autos :-(

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.