Etappe 5: „Maintal“: Hasloch bis Homburg

Dafür dass ich auf dem Werkgelände einer Firma mit historischer Schmiede, moderner Gießerei, Gabelstaplern und Schichtbetrieb übernachtete, hatte ich ausgesprochen gut geschlafen. Morgens noch vor dem Frühstück zeigte mir der junge Student Florian Zwiessler das Firmenarchiv, das er seit einigen Jahren im Dachgeschoss des Herrenhauses aufbaut. Im Zuge der Eröffnung des Hammer Museums waren alte Dokumente und Fotos aus Kisten in Kellern, Dachböden und Schuppen zusammengesammelt worden um die Ausstellung zu bebildern. Nach der Eröffnung ging das Archivieren weiter und es kommen in unregelmäßigen Abständen immer mehr Dokumente dazu. Mittlerweile ist ganz schön was zusammengekommen und es geht immer weiter. Alles muss sorgsam gesichtet, bewertet und archiviert werden. So entsteht in der sorgsamen Obhut des engagierten Archivars ein wertvolles Firmen- und Familienarchiv, das u.a. erhellende Einblicke in die industrielle Entwicklung der Region gewährt.


Nach dem Frühstück gab’s noch eine kurze Begehung des modernen Firmengeländes, aber nicht alle Bereiche sind aus sicherheitstechnischen Gründen zugänglich. Ich zog mich anschließend zurück, sortierte meine Fotos und schrieb den Artikel. Als ich fertig und gepackt war, kam auch schon der Journalist Christian Weyer vom Main-Echo um die Ecke, der mich bei der folgenden Tagesetappe begleiten wollte.

Kurze Begrüßung, der vormittägliche Regenguss hatte aufgehört, Verabschiedung von Frau Rowinski und Otto Haamann, dem Hammerschmied. Er war schon damit beschäftigt die Wechslung des beschädigten Hammerstiels vorzubereiten. Herrn Weyer und ich fuhren erst auf der Straße, dann auf dem Radweg nach Hasloch und trafen dort auf den Main, auf den ich mich seit Tagen gefreut hatte. Wie beim letzten Mal mit dem Landrat verging die Zeit beim gemeinsamen Radeln wie im Fluge. Nach Kreuzwertheim war es nur ein kleiner Katzensprung. Weil es schon früher Nachmitttag war, besorgten wir uns einen Snack, setzten uns nach unten an den Main auf eine Bank und blickten gegenüber auf die Stadt Wertheim. Ich erzählte Herr Weyer von den bisherigen Erlebnissen der Tour, er brachte mich im Gegenzug lokalpolitisch auf den aktuellen Stand. Dann ging es weiter. Weil ich einen Radler aus der Region an meiner Seite hatte, überließ ich ihm die Navigation und prompt kamen wir ab Kreuzwertheim etwas von der geplanten Route ab.

Statt entlang des Mains Richtung Bettingberg und von da weiter durch einen langen Fahrradtunnel nach Trennfeld fuhren wir oberhalb von Kreuzwertheim nach Unterwittbach, von da nach Rettersbach, über die Autobahn A3 und ließen uns vorbei am Kloster Triefenstein zurück ins Maintal rollen.

In Lengfurt wurden wir im Rathaus von Bürgermeister Endres empfangen. Eigentlich hatte der einen Teil der Etappe mitfahren wollen, aber wir waren früh dran und er durch eine wichtige Sitzung aufgehalten worden. Dafür bekamen wir jetzt eine kleine Stadtführung:

Von der farbenfrohen Dreifaltigkeitssäule, zur imposanten Kirche, runter zum Main und von da im weiten Bogen zurück zum Rathaus. Wir fuhren weiter, verabredeten für den Abend aber noch ein Treffen.

Zusammen mit Herrn Weyer fuhr ich vorbei am ortsdominierenden Zementwerk, dem folgten saftig grüne Weinberge. Am frühen Abend erreichten wir meine Unterkunft den Weinkrug in Homburg. Der Besitzer und ehemalige Bürgermeister Lothar Huller hatte sich freundlicherweise bereiterklärt mich unterzubringen und mir die Gegend zu zeigen. Mit Herrn Weyer genehmigten wir uns noch einen Schoppen, dann verabschiedete sich der Journalist, vielen Dank für die nette Gesellschaft. Am Do erscheint voraussichtlich der entsprechende Artikel im Main-Echo.

Ich machte mich kurz frisch, zog mich um, da kam auch schon Bürgermeister Endres vorbei und Herr Huller, Herr Endres und ich machten uns auf zum Aussichtspunkt am Kallmuth. Der Weg war verwinkelt und es ging steil bergauf, ich war froh, dass wir mit dem Auto fuhren. Nach den Begegnungen mit zwei Bürgermeisterinnen (Etappe 1 & 3) heute also ein Treffen mit einem Altbürgermeister und einem amtierenden Bürgermeister an einem Tag. Die Männer haben also mit einem Doppelschlag aufgeholt, gendertechnisch herrscht wieder Gleichstand.

Wir standen am Aussichtspunkt im warmen Wind und schauten in die Ferne. Vor uns der glänzende Main mit Homburg, Trennfeld und Lengfurt, am Horizont die Autobahnbrücke, die Skyline Wertheims und weiter rechts der Sendemast Breitsol auf dem Geiersberg bei Rohrbrunn. Herr Huller und Herr Endres erzählten abwechselnd schöne Geschichten mit viel Lokalkolorit, dazwischen wurde schnell mal eine aktuelle Begebenheit geklärt, irgendwann musste Herr Endres los, er hatte noch einen Termin. Auch hier fällt mir auf, wie sehr sich die Leute für ihre Region engagieren, wie viel Zeit sie dafür aufbringen um der Gemeinschaft einen Dienst zu erweisen. Respekt!

Mit Herrn Huller ging’s noch etwas durch kleine, versteckte Wege durch die Weinberge, zum Steinbruch und von da offroad zurück zur Mainseite. Ich verlor immer mal wieder die Orientierung und war froh, das ich ihn an meiner Seite hatte.

Dann kam ein kleines kulinarisches Highlight. Herr Huller hielt an einem schönen Platz des Weingebiets Edelfrau und zauberte eine Kühlbox vom Rücksitz des Autos hervor. Wir setzen uns an eine Bank und aufgetischt wurde: Brot, Käse, angemachter Camembert, Leberwurscht, Blutwurscht und saure Gurken, dazu Weißer Burgunder vom Weingut des Sohnes. Mann, war das lecker, im wahrsten Sinne saugut! Dass ich das noch Erleben durfte: Vesper im Wengert. Fränkisches Essen in Franken. Dazu unterhaltsame Geschichten aus dem Leben des Herrn Huller. Besser konnte es nicht kommen. Die Halbzeit meiner Umradlung wurde damit gebührend gefeiert.
Als die Sonne untergegangen war und es kühl und dunkle wurde, fuhren wir zurück nach Homburg in die „Unterstadt“, machten noch einen kleinen Schlenker auf den Hof des Sohnes Michael Huller. Sein Weingut wurde erst vor ein paar Jahren eröffnet und ist das jüngste vor Ort. Es gab eine kleine Führung und anschließend eine Miniweinprobe: Auf Weißen Burgunder folgten Blauer Silvaner und roter Regent. Es war ein sehr schöner Abend. Um Mitternacht fiel ich erschöpft ins Bett.

Morgen geht’s über die Mainfränkische Platte nach Retzbach. Hoffentlich hält das Wetter.

13 Gedanken zu “Etappe 5: „Maintal“: Hasloch bis Homburg

  1. Bei soviel Sport und frischer Luft muss man ja gut schlafen! Der 5. unterhaltsame Bericht, wunderbar. Und heute gilt vermutlich: die Lücken zwischen den Güssen zum radeln erwischen.Viel Glück!

  2. Radeln ohne Regen ist kein Radeln, wo bleibt denn sonst die Aktion? Kein Platter oder sonst ne Malaise? Das ist doch die Würze in der Suppe! Apropos wo bleiben die Foodpornpix?
    Ansonsten bin ich auch begeistert von den Berichten, kenne zwar die meisten Strecken vom Radeln auf des Spessarts Straßen schon – teilweise auch offroad, aber das hört sich gut machbar für ne Familienradltour an. Wenn man sich Zeit lässt kann man eben viel mehr erleben.

  3. @Alle: Danke euch allen für eure lieben Kommentare. Keeps me alive. Besonders nach Etappe 6 kann ich jeden Zuspruch gebrauchen. Mann, wurde ich nass gemacht, dazu morgen mehr.

  4. Aussergewöhnlichen Situationen kreieren aussergewöhnliche Erlebnisse. Wie wär es denn mal mit einem strahlenden Lächeln auf dem nächsten Selfie? Läuft doch.

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