Musikpädagogik: Muse und Hass

Meine Kinder besuchen ein musisches Gymnasium in Bayern. Das klingt erstmal ganz toll. Man glaubt, musische Fächer wie Musik, Kunst, Tanz, Theater und Literatur würden eine größere Rolle spielen als an anderen Schulen. Laut Lehrplan und Fächerverteilung ist das auch so, nur werden in den entsprechenden Stunden eben nicht in erster Linie musisch-kreative Inhalte vermittelt, sondern genauso wie in den meisten anderen natur- und geisteswissenschaftlichen Fächern trockenes Lernwissen behandelt, das auswendig gelernt und pünktlich zur Abfrage/Ex/Schulaufgabe abgeliefert werden muss.

Als Instrumentalpädagoge meine ich, dass gerade musische Fächer persönliche Erfahrungen ermöglichen sollten, davon ist man hier leider weit, weit entfernt. Meine Kinder müssen Lebensdaten von Komponisten auswendig lernen, deren Kompositionen sie niemals freiwillig anhören würden, es geht um musiktheoretische Zusammenhänge, die sie vollkommen überfordern, gesungen und Musik gemacht wird hauptsächlich unter Prüfungsbedingungen, wenn sie ihre Übungsstücke unter Neonlichtbeleuchtung vor der gesamten Klasse vorspielen müssen und dafür in einem System von 1 bis 6 unmittelbar benotet werden.

Mein Sohn muss in der sechsten Klasse die Biographie Ludwig van Beethovens auswendig lernen von der ärmlichen Kindheit in Bonn (er kann nicht wissen, wo das liegt) über das Heiligenstädter Testament bis zum vereinsamten Tod bei völliger Ertaubung. Dabei wird das Leben des Musikgenies in typisch klassisch-romantischer Tradition völlig verklärt. Kein Wort davon, dass Beethoven ein ziemlich nerviger, aufbrausender und schmuddeliger Typ gewesen sein muss. Mehr als 20 Umzüge allein in Wien belegen das eindrücklich. Seine ausufernden Werke werden dabei nur ganz am Rande gestreift, wozu auch, die Kinder wollen das eigentlich gar nicht hören, es ist nicht ihre Welt, sie sind bei Musikbeispielen nur froh, dass mal eine Weile nicht noch mehr musikhistorische und -theoretische Informationen auf sie niedergehen.

Für die anstehende Schulaufgabe im Fach Musik musste mein Sohn jetzt die Themen Intervalle, Tonleitern und Akkordumkehrungen vorbereiten. Bei Intervallen wird zwischen groß, klein, rein, übermäßig und vermindert unterschieden, sieht aber auf dem Papier alles ziemlich ähnlich aus. Bei den Tonleitern gibt es 12x Dur, 12x Moll, zusätzlich noch 12x Harmonisches Moll, bei Akkorden Grundstellung, Sextakkord und Quartsextakkord. Erklären sie das mal einem normalen 12-jährigen, der gerne Fußballspielen gehen würde. Ich kenne erfolgreiche Musiker und Songschreiber, die diese Zusammenhänge in Notation nicht erkennen würden. Ein etwaiges musisches Interesse oder Talent wird bei dieser theoretischen Herangehensweise selbstverständlich im Keim erstickt. Musische Menschen müssen sich hier angeekelt abwenden, das geht gar nicht anders und das sollte auch jedem halbwegs musikpädagogisch interessierten Menschen klar sein, insbesondere natürlich Lehrern und anderen für die Inhalte Verantwortlichen.

Am Wochenende saß ich also mit ihm zusammen und half ihm bei dieser elenden Lernerei von Dingen, deren Sinn sich ihm nicht erschließt und die er bis auf weiteres nicht anwenden können wird. Ich bin überzeugt, dass Musiktheorie der Musikpraxis gezwungenerweise immer nachfolgen muss. Es war also fast ein buddhistische Prüfung für mich meinem Sohn dieses für ihn unnütze Zeug zu erklären und einzuüben.

Wir waren schon ein Weile dran. Es ging um Intervalle, große und kleine Terzen, und die Anordnung der Halbtonschritte in harmonischen Molltonleitern. Es war schon etwas spät geworden, ich hatte ihm den Unterschied zwischen As und Ais erklärt. Ich spürte, dass er langsam nicht mehr konnte, wollte das Thema aber noch zu Ende bringen. Da kam die Frage auf: Wie heißt der Ton unter H? Das ist die Stelle, an der die deutschsprachige Musiktheorie einen unlogischen Sprung macht A-H-C, statt – wie international – A-B-C. Mein Sohn starrte genervt vor sich hin. Ich wiederholte die Frage ein zweites Mal: Wie heißt der Ton unter H? Mein Sohn öffnete langsam seinen Mund, wendete den Kopf zu mir, blickte direkt in meine Augen und sagte „Hass.“

Ich hatte den Eindruck, in dieser Antwort liegt vielleicht mehr Wahrheit, als ihm in diesem Augenblick bewusst war. Wir brachen an diesem Punkt die Lernerei ab und legten eine Pause ein.

Wikipedia: Hass ist ein intensives Gefühl der Abneigung gegen eine Person oder eine Gruppe von Personen und kann zu aggressiven Handlungen gegenüber den Hassobjekten führen. Ursache ist meist die Bedrohung oder Kränkung des eigenen Selbstwertgefühls. Hass wird häufig als Gegenteil von Liebe oder als eine Folge enttäuschter Liebe interpretiert.

24 Gedanken zu “Musikpädagogik: Muse und Hass

  1. Das ist Schule… in Deutschland. Da hilft nur eines- Auswandern! Nach Mexiko zum Beispiel. Dort wird an jeder Ecke musiziert. Der Musik und der damit verbundenen Lebensfreude. Im Kunstunterricht ist das übrigens ähnlich. Meine Tochter musste jetzt Steckdosen malen. Jetzt hängt ein ganzes Klassenzimmer voll mit Steckdosengemälden…

  2. @Christoph hm ob die Schule in Mexico deswegen anders läuft???
    @Dennis der arme Kerl, hoffen wir das es enttäuschte Liebe ist und er noch was draus machen kann; da bin ich wieder mal froh nicht in der Regelschule unterrichten zu müssen, das würde ich nicht aushalten! Dieses Lehrplangehetze und Nichteingehen auf Bedürfnisse – eigentlich schade, dass dies nur den Benachteiligten zugute kommt, die (Förderschüler) sind in dieser Hinsicht sicher klar im Vorteil.

  3. @Weiß auch nicht genau, ob Mexiko ein gutes Beispiel ist. Aber von einem anderen, armen Land aus Lateinamerika hört man dbzgl. interessantes: In Venezuela wurde die musikpädagogische Methode El Sistema aufgebaut. Eine deutsche Filmemacherin hat eine Dokumentation darüber gemacht, sehr sehenswert, hier der Trailer:

    „Our teacher tells us: Play! And put your heart in it!“
    (Habe ich in zehn Jahren Studium von keinem meiner Lehrer jemals gehört)
    https://www.youtube.com/watch?v=276oR_tEmbs

    • geile Sache – nicht dasss die Deutschen das nicht auch schon seit den Reformpädagogen wüssten, aber was hamse draus gemacht? alles Kopfsache schön fett die Lehrpläne aufgemeiert und bloss die Hände und das Herz wech….ich könnt schrei!!!!!!!!!!!!

  4. Das traurige ist eigentlich, dass wir in Deutschland zwingend eine Zensur für Schüler wollen. Selbst wenn Kinder Bilder malen, werden Zensuren vergeben, wie genau die Vorgaben erfüllt wurden.
    Darum werden auch im Musikunterricht eher Jahreszahlen gebüffelt, denn die lassen sich einfach abfragen und es kann eine klare Zensur erstellt werden.

    Der Fisch stinkt da tatsächlich vom Kopf, denn auch die Lehrer haben darauf keine Lust, sind aber gezwungen diesen Unsinn mitzutragen, weil es Ihnen vordiktiert wird.
    Vielleicht erleben meine Kinder eine Reform… Ich befürchte aber seit G8 so unsäglich gescheitert ist, wird sich so schnell niemand mehr an einer tatsächlichen Reform versuchen…. Es ist und bleibt ein Trauerspiel.

  5. Für eines ist es ja gut: Man lernt so, Unliebsames definitiv hinter sich zu bringen.

    Aber: Ich habe ein ähnliches Beispiel aus meiner nicht lange zurückliegenden Kindheit.
    Meine romanhaften Entwürfe waren einst der Renner im Deutschunterricht, sie wurden vorgelesen, aber als es in den Jahren drauf um Analyse von aktuellen Werken ging, kackte ich ab und bekam sogar mal eine 4 minus.
    Ich war nicht mehr gut, die freie Phantasie lag mir deutlich näher.
    Diese Erinnerung an die 4 Minus in meinem Paradefach wirkt bis heute traumatisch nach.

  6. Wenn es die Kinder und die Eltern und die Lehrer nicht wollen, warum ist es dann, so wie es ist? Ist es vielleicht ein grundsätzliches Problem von Institutionen, dass die Inhalte in bürokratischen Konventionen ersticken?

    • Vielleicht nicht grundsätzlich so, aber man darf nicht vergessen, wie alt unsere Auffassung von Lernen in Deutschland ist. Die wenigen Reformen die durchgeführt wurden – und dann auch noch jedes Bundesland für sich – ändern nichts an der Prämisse, dass unser Bildungssystem mittlerweile über 70 Jahre auf dem Buckel hat.

      • ich denke eher das doppelte, vor 70 jahren gab es meines wissen keine reform, die die preussischen grundzüge verändert hätten – leider liefen die reformpädagogischen ansätze ab dem 1000jährige reich dann wieder auf grund, das mag stimmen…

          • Meine Schätzung von 70 Jahren beruhte einfach auf der Annahme, dass nach dem zweiten Weltkrieg die Bildung neu strukturiert wurde – ggf. sogar durch die Alliierten. Dass das ganze sogar noch älter ist, lässt mich nur noch mehr verwundert dreinblicken, dass wir es nicht hinbekommen das Ganze einmal zu reformieren.
            Klar, einfach wird das nicht. Zu viele Köche haben hier zu viele verschiedene Ideen verbreitet und jeder möchte am liebsten seine Suppe weiter löffeln… Dass es so aber nicht weiter gehen kann, müsste mittlerweile auch beim letzten Kultusminister angekommen sein.

  7. …die Schule ist in Deutschland immer noch eine totale Institution wie eine Armee, in der sie aus preussischer Zeit auch noch ihren Ursprung hat. Leider konnte sie sich trotz aller reformatorischen Bestrungen nicht wirklich grundlegend ändern mal abgesehen von privaten Schulen, die das ja beweisen, das es auch anders geht, siehe Montessori oder Waldorf.
    Das diese Schulen in der Allgemeinheit lange Zeit und teilweise immer noch als Spinnerei abgetan werden sagt doch Einiges über die Weltanschauung eines Volkes aus, finde ich.
    Witziger- oder besser gesagt tragischerweise wird die „menschliche“ Bildung unter Einbeziehung des Musischen hierzulande ja wirklich zuförderst den „Spinnern“ zugestanden, wenn ich das mal so boshaft formulieren darf. In Förderschulen darf man tatsächlich als Beamter nach individuellen Förderschwerpunkt die Kompetenzen des Kindes stärken und nicht auf seinen Schwächen herumhauen und versuchen ihm allerhand Tand in den Kopf zu prügeln.
    Die armen „Gscheiten“ müssen unter der Knute des Lehrplans leiden.
    Wer solls ändern? Die Politik macht die Gesetze! Und wenn die schon nicht zu nem Kompromiss bei der Regierungsbildung kommen wie sollen die sich dann bei der Bildung einigen, wo das doch Ländersache ist?? Und garade die sind doch alle immer so stolz jetzt wo die Deutschen doch wieder mal so tolle Teamarbeiter sind……
    noch Fragen? Bitte gerne! danke auf wiedersehn!

  8. Lieber Dennis,
    es ist sehr rührend, wie du dich in bester väterlicher Manier vor deine Kinder stellst und du hast vollkommen Recht, dass man über Sinn und Unsinn im deutschen Schulwesen ganze Bände füllen könnte. Ich möchte zu der Diskussion bewusst provokant eine Art Glosse hinzufügen. Bitte wehrt euch gegen die Thesen wo immer es geht.

    Es ist im Moment mein liebster Kalauer zu dem Thema geworden, darauf zu verweisen, dass ausgerechnet die stolzen Bayern sich so sehr an preußische (Militär-) Ideen im Bildungswesen klammern. Diese Schule, wie sie heute noch praktiziert wird, wurde meines Wissens vom Staat und maßgeblich dem Militär gewünscht, um möglichst potente und uniforme Rekruten zu schaffen. Daran scheint sich nicht viel getan zu haben.
    Ich gebe dir Recht, dass andauernde Noten eine Pest sind. Interessant finde ich, dass du dich nur oberflächlich darüber ärgerst, dass dein Sohn Daten über Beethoven lernen muss, denn im direkten Anschluss fändest du es wichtig, dass Kinder stattdessen lernen, dass er ein launiger Mensch war. Wieso eigentlich? Wird es in 100 Jahren wichtig sein, den Kindern zu vermitteln, wie viele Klos von Hendrix vollgekotzt wurden und wie oft die Polizei bei Bowie wegen Ruhestörung eingeschritten ist? Ferner @Bonn: In der 6. Klasse musste ich wissen, wo das liegt. Sowie alle Bundesländer, deren Regierungssitze, außerdem die nennenswerten Flüsse und Mittelgebirge Deutschlands. Ach ja: Europäische Hauptstädte und deren Lage. Über den Sinn dessen sage ich jetzt mal nichts, aber deine Aussage möchte ich doch relativieren. Kinder können verdammt viel, wenn sie wollen. Ähnlich viel, wenn sie müssen. Wenn sie nicht wollen, sagen sie, sie könnten nicht. Ob sie sollen sei dahingestellt. Aber ehrlich: Bonn ist oder war eine der wichtigsten Städte Deutschlands.
    Fun fact am Rande: Meine Mutter musste mich zwingen, Pop zu hören, weil ich von mir aus nur Klassik mochte. Habe dann zwischen der von mir als teigiger Belanglosigkeit empfundenen Popmusik und dem nicht mehr mehrheitsfähig Opulenten der Klassik die Rockmusik als Mittelweg gewählt. (eine Art GroKo)
    Ich persönlich finde es schade, dass ich zwar manches über Mozart und Beethoven gelernt (und vergessen) habe, aber die Auswahl der behandelten Komponisten sich zumindest bei uns leider sehr an alten Reichsgrenzen orientierte. Ich hätte gerne mehr gelernt über die französischen, italienischen oder russischen Meister. Gab es fähige Komponisten in England (die nicht importiert wurden)?
    Warum erstickt Tonleitertheorie selbstverständlich alles Interesse und Talent? Dürfen nur die Musiker werden, die „es spüren und einfach machen“? Müssen alle das Instrument hinlegen, die Starthilfe brauchen, weil sie sonst einen Dis-Moll Akkord in einem Stück in C-Dur spielen? (Wäre das schlimm? Ich weiß es nicht, habe zu wenig theoretisches Rüstzeug und praktisches Gespür.) „Müssen“ sich nur musische Menschen „angeekelt abwenden“? Oder auch musikalische? Gibt es da Unterschiede? Ich sage nicht, dass das, was die Lehrer da machen gut und richtig ist, aber die Aussage, dass das schon im Ansatz allem entgegenläuft, finde ich doch etwas totalitär. Außerdem: Warum die Aufregung, mit 12 Jahren eine Skala zu lernen, die mal gerade 12 Töne umfasst und nur zwei unregelmäßige Intervalle hat? Klar, wir sind mit „A-H-C“ ein internationaler Sonderfall ohne echten Grund. Aber was ist so schlimm? Wir muten selbstverständlich jeder 6-Jährigen zu, ein Alphabet mit 26 Buchstaben zu lernen, ferner ä, ö, ü, ß und heute vermutlich auch @. Ich weiß nicht, ob es hier irgendeine Struktur oder Ordnung gibt. Bei näherer Betrachtung erschließt sich mir aber nicht trivial, warum alle Kinder zuerst das A üben, obwohl das E der wichtigste (weil häufigste) Buchstabe ist. Warum kommt E erst an 5. Stelle? Nur so am Rande bemerkt werden auch in Mathe in der 4. Klasse teilweise Aufgaben gestellt, für deren Lösung man auch als 27.-Klässler durchaus 1-2 Minuten Ruhe, einen Zettel und Stift braucht. Ist Tonleitertheorie echt schwieriger und unangebrachter als Dreisatz (in der Grundschule!)?
    Jetzt mal eine andere Betrachtungsweise: Man könnte interpretieren, dass alles gut ist. Dein Sohn entwickelt ein gesundes Empfinden dafür, was er will und was nicht. Das ist schon mal gut. Auch scheint er das grundsätzliche System gechekt zu haben: Bei A gilt bA = As, also gilt für H bH = Has(s). Logisch. Außerdem könnte man noch konstatieren, dass er ein Talent für Sprache und vor Allem auch Humor besitzt.
    Eine Scherzfrage zum Schluss: Ist die Schule also vielleicht doch nicht so schlecht? (Meine Antwort: Pfui, es gäbe viel zu tun!)

    Ich wünsche allen eine frohe Adventszeit. Seid lieb!

  9. @Sven ich Ironie und/oder Sarkasmus auch viel abgewinnen, weil sie manchmal zwar kurzfristig helfen aber dennoch auch keine Lösung bieten….

    • Ich verwehre mich dem Vorwurf. Ich habe Elemente der Ironie, des Sarkasmusses und vielleicht der Satire verwendet. Aber mir vorzuwerfen, mich schlicht lustig gemacht zu haben ist grundfalsch. Ich habe einen Lösungsansatz diskutiert, denn ich finde ihn in seiner so formulierten Form tatsächlich totalitär und nicht wirklich weiterführend. Ich habe ferner einen Lösungsansatz – zugegeben etwas versteckt – angerissen, nämlich dass man solchen Unterricht zum Beispiel dadurch interessanter gestalten könnte, dass man nicht immer ewig lang bei den Deutschen bleibt, sondern auch andere wichtige Einflüsse aus dem Ausland diskutiert.
      Ich habe mich mit Lösungsdiskussionen zurük gehalten, um das Pamphlet in erträglicher Länge zu halten, da wie eingangs erwähnt man wohl ganze Romane füllen könnte. Die humoristische Form wählte ich, um die Schärfe meiner Kritik abzufedern. Aber wenn gewünscht, gerne hier ein paar Verbeserungsvorschläge. Vollkommen so gemeint und bierernst vorgetragen:
      – Abschaffung der Noten außer Schulabschlussnoten. Auch auf die könnte verzichtet werden, aber das ist wohl nicht praktikabel.
      – Fächerübergreifender Unterricht. So kann prüfbarer Stoff mit lebendigem gefüllt werden. Außerdem können Kontexte hergestellt werden, die im Reinen Fachunterricht nicht oder nur redundant zu anderen Fächern entstehen können.
      – Jahrgangsübergreifender Unterricht.
      – Flächendeckende EInführung von Werkunterricht an allen Schulformen.
      – Verlängerung der Unterrichtsblöcke von 45 Minuten auf minimal 90 Minuten. So kann viel effizienter und mit wesentlich mehr Tiefe der Stoff behandelt werden.
      Ich könnte noch weiter machen…

      Jetzt würde ich mir übrigens auch Input wünschen. Über Verschwendung im Schulsystem zu schimpfen ist ein guter Anfang, bietet aber auch an sich keine Lösungen. Was du nicht willst, dass man dir tu…

  10. @Sven: Danke für deinen provokanten Text. Mir ist das Thema allerdings zu ernst als dass ich Witze darüber machen könnte, deswegen weiß ich nicht genau wie ich deine Aussagen einordnen soll. Es ist absolut entscheidend mit welche Methoden welche Inhalte vermittelt werden. Darüber wurde in den jahrelangen Diskussionen über G9/G8/G9 nie jemals geredet. Und an den Unis geht es genauso idiotisch weiter. Dass entscheidende geistige und kulturelle Impulse schon lange Zeit nicht mehr aus Deutschland kommen ist kein Zufall. Der allgemeine Stillstand in Kultur, Politik, technischer Innovation, digitaler Entwicklung und tatsächlichen Großbaustellen (Berlin, Stuttgart) ist nur ein Abbild des geistigen Stillstands und der gesellschaftlichen Reformunwilligkeit.

    Du hast das Glück aus einem Bundesland zu kommen, wo die Schulbildung offensichtlich etwas entspannter und fortschrittlicher gehandhabt wird als in Bayern. Hier ist entgegen der Gesetzeslage in den meisten anderen Bundesländern nach der vierten Klasse für die Eltern nicht einmal die Art der Schule frei wählbar. Am Gymnasium wird Latein und Altgriechisch gelehrt, aber kein Dänisch, Polnisch oder Tschechisch (unsere unmittelbaren Nachbarländer!). Das Fach Informatik und verantwortlicher Umgang mit digitalen Medien sind Randthemen. Musik wird fast ausschließlich auf Instrumenten aus dem 16. bis 19. Jahrhundert gespielt. Habe nichts gegen einen informierten Blick auf die Vergangenheit, aber die Chancen von Gegenwart und Zukunft sollten auch ihren Platz finden.

    Im Folgenden Art. 2 des BayEUG „Aufgaben der Schulen“. Nach der Lektüre kann jeder selbst entscheiden, ob das in seinem und/oder im Sinne seiner Kinder ist. Wie es in die Praxis umgesetzt wird, steht dann allerdings noch mal auf einem anderen Blatt. Das wird man erst als Betroffener erfahren, wenn man eigene Kinder zur Schule schickt. Aufgabe bayerischer Schulen ist es

    – Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln und Fähigkeiten zu entwickeln,
    zu selbständigem Urteil und eigenverantwortlichem Handeln zu befähigen,

    – zu verantwortlichem Gebrauch der Freiheit, zu Toleranz, friedlicher Gesinnung und Achtung vor anderen Menschen zu erziehen, zur Anerkennung kultureller und religiöser Werte zu erziehen,

    – Kenntnisse von Geschichte, Kultur, Tradition und Brauchtum unter besonderer Berücksichtigung Bayerns zu vermitteln und die Liebe zur Heimat zu wecken,

    – zur Förderung des europäischen Bewusstseins beizutragen,

    – im Geist der Völkerverständigung zu erziehen und die Integrationsbemühungen von Migrantinnen und Migranten sowie die interkulturelle Kompetenz aller Schülerinnen und Schüler zu unterstützen,

    – die Bereitschaft zum Einsatz für den freiheitlich-demokratischen und sozialen Rechtsstaat und zu seiner Verteidigung nach innen und außen zu fördern,

    – die Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu fördern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken,

    – die Schülerinnen und Schüler zur gleichberechtigten Wahrnehmung ihrer
    Rechte und Pflichten in Familie, Staat und Gesellschaft zu befähigen, insbesondere Buben und junge Männer zu ermutigen, ihre künftige Vaterrolle verantwortlich anzunehmen sowie Familien- und Hausarbeit partnerschaftlich zu teilen,

    – auf Arbeitswelt und Beruf vorzubereiten, in der Berufswahl zu unterstützen und dabei insbesondere Mädchen und Frauen zu ermutigen, ihr Berufsspektrum zu erweitern,

    – Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt zu wecken.

    • Das können wir gerne nochmal diskutieren. Mir ist das Thema sehr ernst. Wenn du meinst, dass ich über dich, deinen Ärger, oder deine Situation Witze gerissen hätte, so tut mir das Leid und in dem Fall hast du meine Hochachtung, dass du den Text trotzdem zugelassen hast.
      Ich mache es nochmal ernst: Ich bin schlicht in einigen Punkten anderer Ansicht als du. Im Grunde teile ich deine Kritik. Ich bin selber auf einer Projektschule gewesen, weil ich die Standard-Strukturen nicht ausgehalten habe. Ich bin mir auch sehr darüber bewusst, dass vieles von meinem bisherigen Werdegang an einer Regelschule wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre. Ich finde aber nicht, dass man auf das eine totalitäre System mit einem wenig ausdifferenzierten Gegenentwurf reagieren darf. Mal ganz scharf: Du hast an vielen Stellen geschrieben, „jedem Interesierten sollte klar sein“, „selbstverständlich im Keim erstickt“ etc. An keiner dieser Stellen finde ich eine Begründung. Damit sind dies leider schlichte Behauptungen. „Selbstverständlich muss es einer jeden sich entwickelnden Selle abträglich sein, wenn ihr nicht durch Zucht, Ordnung und harte Disziplin die nötige Orientierung für’s Leben gegeben wird.“ So oder so ähnlich haben vielleicht die geistigen Gründerväter unseres Schulsystems gedacht. Das ist falsch. Aber wenn ich es besser machen will, muss da mehr kommen. Sorry, ich habe versucht, das in eine freundlichere Form zu verpacken, aber damit bin ich wohl hier nicht sonderlich gut gelitten.

      Noch eine Sache: Ich habe noch nie von einem Bayern gehört, dass er mich ob des Privilegs beneidet, dass ich in einem Land mit fortschrittlicherer Bildung wie NRW komme. Wo bitte ist NRW fortschrittlich? Seit wann holen sich die Bayern keinen mehr darauf runter, dass ihre Kinder so viel toller bei Pisa sind? Und warum ist das alles offensichtlich das reinste Paradis, wenn ich doch haarklein beschrieben habe, dass ich in gleichem Alter WESENTLICH MEHR stumpfsinnig auswendiglernen musste.Das war der pure Mist. Dumm konservativ 1, modern 0! War dein Kommentar jetzt Ironie, Satire, Sarkasmus oder wie soll ich das verstehen?

  11. dazu nur ein Beispiel das Methode hat, für die bayrischen Schulen wird gerade eine Medienkampagne gestartet in der 5 Mrd. für die digitale Ausstattung geplant sind, bevor es überhaupt beginnt sind 2 schon weg – keiner weiss wohin; der Rest soll in Schulen fliessen, wenn sie ein Medienkonzept vorliegen haben (dauert Minimum ein Jahr – Handys bleiben verboten) siehe aktuelle Presse am Beispiel Gymnasium Karlstadt, wenn erlaubt dann nur mit gekaufter Software??? Da wird sich wieder im Vorfeld nur in alle Richtungen abgesichert, dass ja alles so bleibt wie es ist, nur nix ausprobieren und alles schön in Lee(h)rpläne gestopft, die es noch nicht gibt usw alles wie gehabt (bin selbst Systembetreuer in ner Schule und leide doppelt ….

  12. @Sven:Zu deiner Aufforderung Verbesserungsvorschläge vorzubringen: Wo soll man da anfangen, wo aufhören. Allein im laufenden Jahr sind bereits so viele Dinge geschehen, ich müsste lange Listen darüber führen um das halbwegs den Überblick zu behalten. Wenn man erziehungswissenschaftliche Studien wie z.B. PISA und andere nur nebenbei verfolgt, könnte man bei der Betrachtung des status quo verzweifeln.

    Es beginnt schon mit den Zeiten: Beginn um 8.00 (bei meinen Kindern genzugenommen um 7:55), das läuft nachgewiesenermaßen gegen jeden biologischen Schlafrhythmus (von Kindern und Eltern), insbesondere im Winter.
    Dann das viele Stillsitzen, die schlechte Luft, unschöne Atmosphäre, ewige Stundenausfälle, kranke Lehrer, schlecht gelaunte Lehrer, lustlose Lehrer, ungerecht Lehrer, zu große Klassen, schlechte Verkostung, grenzwertige Essensqualität (bei meinen Kindern jahrelang und ganz offiziell tägliches Stammessen: Schnitzel/Pommes). Kein reguläres Ganztagsangebot, oft wegen des Stundenplans keine Zeit für Pause und Mittagessen, Nachmittagsbetreuung muss privat finanziert werden, zu viel Religion (warum überhaupt?), zu wenig Sport und Bewegung, kein Werken, zu viel stumpfe Auswendiglernerei, irrer Mix aus Abfragen, Exen und Schulaufgaben, viele Hausaufgaben, die z. T. nicht mal nach der Betreuung erledigt sind, zu wenig Experimentierraum, Stoffe werden nicht eingeübt, Eltern werden als Hilfslehrer betrachtet, Leistung der Lehrer überschaubar, von Schülern und Eltern werden Höchstleistungen gefordert, am Wandertag wird nicht mehr gewandert (stattdessen: Kino, 3D-Minigolf), weil es für die Lehrer einfacher ist (um 11.30 sind die Kinder wieder zu hause), Kosten müssen die Eltern übernehmen, Schullektüren sind hoffnungslos veraltet und/oder extrem langweilig, Konzepte völlig unausgegoren (siehe auch G9/G8/G9), der Jahrgang 2017 hat im September neue Bücher für G8 bekommen, obwohl das offiziell gar nicht mehr existiert. Dafür werden teure Prestigeprojekte gefahren, Austauschprojekte, Skikurse, Chorfahrten, die selbstverständlich die Eltern zahlen, teure Hochglanzprospekte, die über die Medienpauschale finanziert werden, direkt vor der Tür steht ein brandneuer VW-Bus der Schule im Wert von mehr als 50.000 Euro. Lehrer werden mit Aufgaben betraut, denen sie ganz offensichtlich nicht gewachsen sind (Big Band, Popband, Orchester, das sind die Bereiche, wo es augenscheinlich zu Tage tritt). In Exen darf eigentlich nur Stoff der letzten Stunde abgefragt werden, wenn es darüber hinaus geht wird er willkürlich zu Grundwissen deklariert. Die Lehrer monieren die Rechtschreibung, obwohl ganz offiziell (und zu meiner Verwunderung) in der Grundschule keine (!) Diktate geschrieben wurden. Integration ist dagegen ganz einfach, denn es gibt keine Flüchtlingskinder an bayerischen Gymnasien, Zufall?

    Ok, das waren jetzt keine Verbesserungsvorschläge, sondern eine Mängelliste. Aber warum sollte ich als Betroffener auch Lösungen ausarbeiten? Ist das nicht die Aufgabe der Mitarbeiter im bayerischen Kulturministerium? Ich denke doch. Was haben die eigentlich in den zurückliegenden Jahrzehnten so getrieben? Noch irgendwas mehr als den selbstverschuldeten G9/G8/G9-Supergau?

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