Buch: „Sommerhaus am See“ von Thomas Harding

Nach „Hanns und Rudolf“ (2013) und „Kadian Journal“ (2014) hat der englische Autor Thomas Harding in seinem neuesten Buch ein weiteres Mal die eigene Familiengeschichte aus einem besonderen Blickwinkel aufgearbeitet. In „Sommerhaus am See“ geht es um ein Ferienhaus am Groß Glienicker See bei Berlin, das sein deutsch-jüdischer Urgroßvater Alfred Alexander in den 1920er Jahren errichten ließ und mit Frau und Kinder an Wochenenden und sommers bewohnten. Das Buch behandelt die weiteren Geschehnisse im und um das Haus herum, erzählt die Geschichte von fünf Familien und erstreckt sich über fast einhundert Jahre deutscher Geschichte von Weimarer Republik, über Nazizeit, Weltkrieg, Nachkriegszeit, DDR bis zu Mauerfall, Wiederaufbau und Berliner Republik. Die Besitzer und Bewohner des idyllischen Sommerhauses durchleben gesellschaftlichen Aufstieg, Verfolgung und Enteignung, Krieg, Flucht und Auswanderung, Unterdrückung, Schikane und Verzweiflung.

Die Erzählung rund um das Sommerhaus ist gewissenhaft und aufwändig recherchiert und dabei weit genug gefasst um ein beeindruckendes Portrait des bewegten, kulturellen und gesellschaftspolitischen Wandels in Deutschland im 20. Jahrhunderts zu entwerfen.

Harding hält trotz seiner familiären Verbindungen erzählerischen Abstand. Die Aufarbeitung der Geschichte und Geschichten muss unfassbar aufwändig und langwierig gewesen sein. Er hat unzählige Gespräche mit Betroffenen und Verwandten geführt, Tagebücher gesichtet, Archive durchforstet und dabei erstaunliches zu Tage gebracht. Geschichte wird bei dieser persönlichen und partikulären Erzählweise in großen Zusammenhängen sehr anschaulich und nachvollziehbar. Allein für diese besondere Sichtweise und den tiefgehenden, aber immer sensiblen Umgang mit einem so umfassenden Thema verdient der Autor jeden erdenklichen Respekt.

Das allerbeste ist jedoch, dass die ganzen verwinkelten und zum Teil ungerechten Entwicklungen am Ende ein glückliches Ende nehmen. Das oftmals umgebaute, abgewohnte und schließlich ziemlich runtergewirtschaftete Haus wird durch Anregung Hardings als Ort mit besonderer Geschichte wahrgenommen und durch eine gemeinsame Initiative von Familien und Ortsansässigen im Jahr 2013 zum Denkmal erklärt und als Begegnungs- und Erinnerungsstätte neu wiederaufgebaut.

Das Buch über das Sommerhaus ist gleichzeitig auch die Chronik eines Lebensraums und Landstrichs und eine gut erzählte, spannende Gesellschaftsgeschichte. Dicke Empfehlung!

Das umfangreiche Taschenbuch erscheint im dtv Verlag, hat 432 Seiten und kostet 15 Euro.

Nähere Informationen zum Projekt: htpp://www.alexanderhaus.org

Videoclip zur Buchveröffentlichung („The story of Germany, told through the history of one house“)

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