Recording: Stu-, Stu-, Studio (2019)

Nach etlichen Soundstudies mit neuer Gerätschaft und Effektwegen wollte ich die E-Gitarren für das neue Dennis Schütze-Album eigentlich, so wie alles andere auch, bei mir zuhause aufnehmen. Wohnzimmer als Regieraum, durch den Flur gekabelt, Verstärker in der Küche, technisch war das alles schon durchgeplant. Nur merkte ich im Verlauf der Soundstudies, dass ich irgendwie gehemmt war, ganz anders als sonst, wenn ich singe oder akustische Gitarren einspiele. Obwohl die Wohnung unter mir nahezu immer leer steht und die Mieter in der Wohnung über mit schwerhörig sind, fühlte ich mich unwohl, abgehört, hatte definitiv Ladehemmung und immer den Eindruck gleich klingelt es und jemand wird sich beschweren. Allein die Vorstellung ich würde zwei vollaufgedrehte Amps in der Küche brüllen lassen und zwei geschlossene Türen weiter mit Kopfhörern auf meine Gitarre eindreschen, beklemmte mich. Es dauerte dann immer noch einige Wochen bis ich mir eingestand, dass es so nicht funktionieren konnte. Ich brauchte stattdessen einen Freiraum, wo ich ungestört Lärm machen könnte. Also kontaktierte ich ein regionales Studio mit der ungewöhnlichen Bitte, dass ich zwar das Studio, aber keinen Tontechniker und auch kein technisches Equipment anmieten wollte. War dann gar kein Problem, an zwei Tagen, an denen sowieso keine Buchung bestand, durfte ich rein und das war am Fr & Sa letzter Woche.


Los ging es am frühen Nachmittag: E-Gitarren, Verstärker, Effektgeräte, Kabel, Mikros und iMac wurde verladen und ins Studio gefahren, dort aufgebaut. Mit dabei waren Danelectro, Gibson ES 335, Fender Stratocaster und Fender Telecaster (letztere kamen beide nicht zum Einsatz), dazu Vox AC 30 und Fender Hot Rod Deluxe. Aufbau ging schnell und verlief problemlos, um 14.00 war ich startklar. Hatte mir vorab schon eine Reihenfolge der Songs zurechtgelegt. Vor der Aufnahme wurde im Aufnahmeraum Gitarre, Effekte und Verstärkereinstellung ausgewählt, dann wurden pro Take zwei Amps und das Line Signal aufgenommen. Mit Kopfhörern saß ich im Regieraum und hämmerte 4-5 Takes pro Part rein. Mit Pegeln und Fehlstarts waren das dann ca. 12-20 Anläufe. Zwischen einzelnen Songs legte ich jeweils eine Pause ein um die Ohren zu schonen und Raum für einen neuen soundtechnischen Ansatz zu schaffen. Lief auf diese Weise gut, nur waren nach 4-5h meine Ohren und meine Aufmerksamkeit komplett verbraucht und zerschossen. Bis dahin hatte ich immerhin drei komplette Songs mit zum Teil mehreren E-Gitarren eingespielt.


Am nächsten Tag ging es wieder kurz nach Mittag auf dieselbe Weise weiter. Gitarre und Sound finden, pegeln, Aufnahme. Es waren allesamt „nur“ Rhythmusgitarren, nichts solistisches, deswegen ging es nicht in erster Linie um inspirierte Ideen, die Parts waren schon vorab komplett ausgearbeitet worden und liefen mit jedem Durchlauf besser und besser, weil ich der klassische Last Taker bin (im Gegensatz zum First Taker, dessen Performance im Verlauf sukzessiv schlechter wird). Im Vorfeld hatte ich noch die Befürchtung, dass ich mich im Studio nicht bzgl. Sound und Einstellung entscheiden können würde, war dann aber gar nicht so schwer. Bei einigen wenigen Songs habe ich zwei Gitarrentypen oder Effekte zur späteren Auswahl eingespielt. Mit Sonnenuntergang am Sa war die Arbeit, die ich mir vorgenommen hatte getan. Am Freitag die Parts für drei Songs, am Sa die Parts von vier weiteren Songs (die anderen Songs des Albums kommen ohne E-Gitarren aus). Das Ergebnis kann ich noch nicht beurteilen, muss erst mit Abstand wieder reinhören und kann erst dann ein Urteil fällen, habe aber ein gutes Gefühl, zumindest war die eingangs beschriebene Hemmung komplett weggeblasen.

Bald folgen amtliche Gesänge, E-Bass und einzelne E-Gitarren-Solos. Das Album nimmt langsam klangliche Gestalt an.

2 Gedanken zu “Recording: Stu-, Stu-, Studio (2019)

  1. fleissig, aber Fehler im Aufbau! Mikro im falschen Raum – Studioköpfhörer wozu? hehe
    muss hier mal wieder eine meiner Lieblings Musikhistörchen anführen:
    Die Aufnahmen zu Trout Mask Replica waren eine Zerreißprobe für die Freundschaft zwischen Beefheart und Zappa. Der streng strukturierte und durchorganisierte Zappa „ … hatte tatsächlich Schwierigkeiten, denn solche abenteuerlichen Aufnahmetechniken, wie in einem Raum bei geschlossener Tür zu singen, während das Mikrofon im Nebenzimmer steht (‚China Pig‘), oder den gesamten Vokalpart eines Liedes (‚The Blimp‘) durchs Telefon zu sprechen waren für den Studioperfektionisten Zappa wirklich zu viel.“[6] Beefhearts Weigerung, bei den Aufnahmen Monitor-Kopfhörer zu tragen, hatte den (vielleicht) unbeabsichtigten Effekt zur Folge, dass er im Grund eher zum Echo und Nachhall der Studioräume sang als zur eigentlichen Musikbegleitung.[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Trout_Mask_Replica

    • @Bernhard: So gesehen habe ich sehr klassisch gearbeitet, für mich persönlich war es trotzdem ‚on the edge‘, auch wenn andere vermutlich darüber lachen. Warten wir mal ab, was am Ende dabei rauskommt, da ist das letzte Wort ja noch nicht gesprochen.

      Wichtig für mich aber, dass ich bei jeder Produktion an meine eigenen Grenzen und darüber hinaus gehe, also Neuland entdecke, darum geht es mir bei meinen Recordingprojekten (und vielem anderen auch). Dass andere bereits ähnliches entdeckt haben, darf einen als Individuum nicht davon abhalten, sich immer weiter vorzuarbeiten. Demnächst dann vielleicht auch Gesang durch geschlossene Türen und Wände, aber so weit bin ich gerade noch nicht. Da bin ich im Moment noch bei Zappa.

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